Fachbereiche: Geschichte, Sowi, Philosophie; Sprachen; Wirtschaft, Recht; Nawi, Biologie, Technik und Blödsinn.
Dieser Universal-Blog ist aus einer Seite für Geschichte, Politik (und Realienkunde) hervorgegangen, die sich dann in Richtung Humanwissenschaften weiterentwickelt hat.
Sprachen: Englisch, Französisch, Spanisch; Latein, Altgriechisch; Russisch, Japanisch, Chinesisch; Mittelägyptisch etc.
Personen-Link: http://novatlan.blogspot.de/2014/08/personen-pool.html

Dienstag, 31. Dezember 2013

KURZWELLENFUNK

Kurzwellenradio: Sangean ATS-909 X

Kurzwellen (KW, SW, High Frequency, Dekameterwellen) sind die Radiowellen, deren Frequenzbereich zwischen 3 und 30 MHz und damit oberhalb der Mittelwellen liegt. Die Wellenlänge beträgt 100 bis 10 m.
Damit gehört auch der CB-Funk auf 27 MHz und 11 m zum Kurzwellenbereich.
(Funkfrequenzen werden traditionell gerne in Wellenlänge angegeben, weil das historisch einfacher war.)

Normalerweise geht man davon aus, dass eine längere Rundfunkwelle eine weitere Übertragung der Signale ermöglicht, aber eine schlechtere Tonqualität mit sich bringt.
Im Kurzwellenbereich (die Welle ist kürzer als Mittelwelle, aber länger als Ultrakurzwelle) bestehen aber Ausnahmen. Kurzwellensignale besitzen aufgrund ihrer Wellenlänge gute Reflexionseigenschaften an der Ionosphäre in der Atmosphäre und breiten sich so weltweit aus. Die Übertragung erfolgt also über Bodenwellen und über die Atmosphäre. Somit können Kurzwellenempfänger mit etwas Glück überall in der Welt empfangen werden, wenn auch nicht in hoher Qualität.

Kurzwellensender können deshalb auch politisch genutzt werden. Entweder will sich ein Land weltweit in einem bestimmten Licht darstellen oder die Opposition will umgekehrt von aussen (oder an geheimen Stütztpunkten von innen) auf die Meinungsbildung innerhalb eines Landes einwirken.
Dementsprechend wird die Kurzwelle auch von Guerilleros und Kriminellen genutzt.
Im Kriegsfall kann man mit dem Kurzwellenfunk Meldungen absetzen.
Kurzwellensender können auch dann eingesetzt werden, wenn UKW- oder Mittelwellensender nicht ihre volle Wirkung entfalten können. Das ist in grossen, dünn besiedelten Gebieten der Fall oder in den Tropen (Tropenbänder).
Der relativ zuverlässige und unabhängige Kurzwellenfunk kann auch als Notfunk eingesetzt werden. Manchmal sind daran auch Amateurfunker beteiligt.

In Zeiten des Internets werden aber offizielle Kurzwellenübertragungen seltener. Das Internet bietet prinzipiell mehr Informationen in höherer Qualität. Allerdings sind Internetangebote nicht überall erreichbar und eine gewisse Romantik geht verloren. Ausserdem ist das Internet nicht (mehr) anonym. Man wird also als Empfänger abhängig vom Kommunikationsnetz (Verfügbarkeit, Überwachung) und vom Stromnetz.
Problematisch an herkömmlichen Kurzwellensendern ist neben der schwankenden Übertragungsqualität, dass sie eine relativ hohe Sendeleistung benötigen. Mit modernen Übertragungsmethoden kann man dies aber reduzieren.
Ein weiterer Nachteil bei Kurzwellensendern ist ihre Abhängigkeit von der Tages- und Jahreszeit. Die Frequenzen müssen gegebenenfalls nachjustiert werden.


Historische Entwicklung

Historisch begann der Kurzwellenfunk seine Erfolgsserie im Ersten Weltkrieg, als man überrascht feststellte, dass Kurzwellen eine höhere Reichweite haben als Lang- und Mittelwellen. 1923 gelang Amateurfunkern die erste Duplexverbindung über den Atlantik. Man erkennt ein Ineinanderwirken von militärischem und zivilen Forschungsinteresse. Naturgemäss erschien die Kurzwellenkommunikation auch für den Seefunk interessant. Die Ausbreitungsbedinungen der Kurzwelle wurden in der Zwischenkriegszeit weiter erforscht und v. a. von der deutschen Seite im Zweiten Weltkrieg für ihr Blitzkriegskonzept militärisch angewendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt die Kurzwelle als die Welle, um auf grossem Gebiet militärische Aktionen gut zu koordinieren. Mit dem Aufkommen modernerer Funktechniken wie der Kommunikation über Satellit ging die militärische Bedeutung der Kurzwelle jedoch zurück. Diese Entwicklung setzte lange vor dem weltweiten Siegeszug des Internet/WWW ein.


Perspektiven und Qualitätsverbesserung

Die Klangqualität des Ultra-Kurzwellen-Rundfunks (UKW) in Frequenzmodulation (FM) ist wegen der dort verwendeten höheren Bandbreite des Audiosignals und des fast völligen Fehlens von atmosphärischen Einflüssen (abgesehen von sehr seltenen Überreichweiten) deutlich besser als im Kurz-, Mittel- und Langwellenbereich. Auch ist die Amplitudenmodulation (AM) für KW, MW und LW systembedingt anfälliger gegenüber atmosphärischen Störungen. So nahm die Zahl der Radiostationen, die UKW-Sender auch in abgelegenen Gebieten einsetzten, allmählich zu, sie konnten aber logistisch nicht alle KW-Stationen ersetzen. Um auch im AM-Hörfunk eine bessere Klangqualität einzuführen und die starken Verzerrungen des selektiven Trägerschwundes zu verringern, wurde das Konsortium Digital Radio Mondiale (DRM) gegründet. DRM soll ein standardisiertes digitales Übertragungssystem definieren und durchsetzen. Auf der Weltfunkkonferenz (WRC) in Genf 2003 gingen die DRM-Modalitäten in den Regelbetrieb. Es ist aber nicht sicher, ob sie sich durchsetzen werden.


QUELLEN

Wikipedia 
Martin Meyer: Kommunikationstechnik. Konzepte der modernen Nachrichtenübertragung, 2011
Welle, Deutsche (Hg.): Morgen die ganze Welt. Deutscher Kurzwellensender im Dienste der NS-Propaganda; 1971


WAS IST WAS?



Was ist Was? ist eine Reihe und Marke des Tessloff Verlags und war ursprünglich eine Jugendsachbuchreihe. Heute tritt die Reihe multimedialer auf. Es gibt CDs, Konsolensoftware (Nintendo DS) und Internet- und Fernsehpräsenzen.
Die ursprüngliche englische Serie heisst How & Why. 
Der deutsche Tessloff-Verlag erwarb 1959 die deutschen Rechte an dem Titel und brachte ab 1961 die ersten Bände heraus, die anfangs noch im Zeitschriftenformat erschienen. 
Die Reihe zielt auf Allgemeinbildung für das Schulalter ab und hat ihre Schwerpunkte in den Bereichen Geschichte und Naturwissenschaften.
  1. Unsere Erde 
  2. Der Mensch
  3. Atomenergie
  4. Chemie
  5. Entdecker (und ihre Reisen)
  6. Die Sterne
  7. Das Wetter
  8. Das Mikroskop
  9. Der Urmensch 
  10. Fliegerei
  11. Hunde
  12. Mathematik
  13. Wilde Tiere
  14. Versunkene Städte
  15. Dinosaurier
  16. Planeten und Raumfahrt
  17. Licht und Farbe
  18. Der Kampf um den Wilden Westen
  19. Wunderwelt der Bienen und Ameisen
  20. Reptilien und Amphibien
  21. Der Mond
  22. Die Zeit
  23. Von der Höhle bis zum Wolkenkratzer
  24. Elektrizität
  25. Vom Einbaum zum Atomschiff
  26. Wilde Blumen 
  27. Pferde
  28. Die Welt des Schalls
  29. Berühmte Wissenschaftler
  30. Insekten
  31. Bäume
  32. Meereskunde
  33. Pilze
  34. Wüsten
  35. Erfindungen (die unsere Welt veränderten)
  36. Polargebiete
  37. Computer und Roboter
  38. Prähistorische Säugetiere/Säugetiere der Vorzeit
  39. Magnetismus
  40. Vögel
  41. Fische
  42. Indianer
  43. Schmetterlinge
  44. Das Alte Testament
  45. Mineralien und Gesteine 
  46. Mechanik
  47. Elektronik
  48. Luft und Wasser
  49. Leichtathletik
  50. Unser Körper
  51. Muscheln und Schnecken
  52. Briefmarken
  53. Das Auto
  54. Die Eisenbahn
  55. Das Alte Rom 
  56. Ausgestorbene Tiere 
  57. Vulkane
  58. Die Wikinger
  59. Katzen
  60. Die Kreuzzüge 
  61. Pyramiden
  62. Die Germanen
  63. Foto, Film, Fernsehen
  64. Die Alten Griechen
  65. Die Eiszeit
  66. Berühmte Ärzte
  67. Die Völkerwanderung
  68. Natur (erforschen und präparieren)
  69. Fossilien (Zeugen der Urwelt)
  70. Das Alte Ägypten 
  71. Seeräuber
  72. Heimtiere
  73. Spinnen
  74. Naaturkatastrophen
  75. Fahnen und Flaggen
  76. Die Sonne
  77. Tierwanderungen
  78. Münzen und Geld
  79. Moderne Physik
  80. Tiere (wie sie sehen, hören und fühlen)
  81. Die Sieben Weltwunder
  82. Gladiatoren
  83. Höhlen
  84. Mumien
  85. Wale und Delphine
  86. Elefanten
  87. Türme
  88. Ritter
  89. Menschenaffen
  90. Der Regenwald
  91. Brücken/Brücken und Tunnel 
  92. Papageien und Sittiche
  93. Olympia/Die Olympischen Spiele
  94. Samurai
  95. Haie und Rochen
  96. Schatzsuche
  97. Zauberer, Hexen und Magie
  98. Kriminalistik
  99. Sternbilder und Sternzeichen
  100. Multimedia und virtuelle Welten
  101. Geklärte und ungeklärte Phänomene
  102. Unser Kosmos 
  103. Demokratie
  104. Wölfe
  105. Weltreligionen
  106. Burgen
  107. Pinguine
  108. Das Gehirn
  109. Das alte China
  110. Tiere im Zoo
  111. Die Gene
  112. Fernsehen
  113. Europa
  114. Feuerwehr
  115. Bären
  116. Musikinstrumente
  117. Bauernhof
  118. Mittelalter
  119. Gebirge
  120. Polizei
  121. Schlangen
  122. Bionik
  123. Päpste
  124. Bergbau
  125. Klima
  126. Deutschland 
  127. Ernährung
  128. Hamster, Biber und andere Nagetiere
  129. Lkw, Bagger und Traktoren
  130. Maya, Inka und Azteken
  131. Raubtiere und andere Jäger
  132. Mode 
  133. Geheimnisse der Tiefsee 

Sonntag, 22. Dezember 2013

FALSCHES LATEIN (PSEUDOLATEIN/KÜCHENLATEIN/DOG LATIN)

Caesar ora classem Romanam. 
Caesar küsste die flotte Römerin.
(Caesar Küste Flotte Römisch.)

Caesar equus consilium. 
Caesar fährt Rad.
(Caesar Pferd Rat.)

Ovum, ovum, quid lacus ego!
Ei, ei, was seh' ich!
(Ei, Ei, was See ich!)

Nunc habemus endiviam.
Nun haben wir den Salat!
(Nun haben wir Endivie. [Cichorium endivia])

Fac animalia ad, trahit!
Mach die Türe zu, es zieht!
(Mach die Tiere zu, er/sie/es zieht!)

Mors certa, hora incerta.
Todsicher geht die Uhr falsch!
(Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss.)

Vera fides cara est. 
Vera ist selten treu.
(Wahre Treue ist selten/teuer.)

Ignis quis vir multum de audere, tum clamavit, studium fuga, meum prohibere. 
Ein Feuerwehrmann viel vom Wagen, dann schrie er, ei verflucht, mein Hintern!
(Feuer wer Mann viel von wagen, dann er schie, Eifer Flucht, mein hindern.)

Datis nepis potus Colonia.
Dat is' ein Pisspot aus Köln!
(Gebt - - Köln.)


ENGLISCH

De mortuis nihil nisi bonus (bene).
In the death there's nothing but bones.
(Über die Toten nichts ausser/nur Gutes.)






Donnerstag, 19. Dezember 2013

JASPERS, KARL


* Oldenburg (Oldenburg) am 23.02.1883
+ Basel am 26.02.1969

Karl Jaspers war ein deutscher Philosoph.
1916 wurde er Professor für Psychologie in Heidelberg. 1921 für Philosophie. 1935 - 45 hatte er Lehrvebot, ab 1948 war er Professor für Philosophie in Basel.
Jaspers begründete mit seiner "Allgemeinen Psychopathologie" (1913) eine hermeneutisch-geisteswiss. Psychopathologie. Er führte den Diltheyschen Begriff des Verstehens in die Psychologie ein.
Jaspers galt als ein Hauptvertreter der Existenzphilosophie. Er sah eine unauflösliche Verbindung zwischen der Erfahrung der Existenz und der der Transzendenz als des "Umgreifenden", dass in "Grenzsituationen" wie Leiden, Tod, Schuld bewusst wird. Weder von Existenz als Möglichkeit des Daseins noch von Transzendenz sei ein objektivierbares Wissen möglich. In der Suche nach Wahrheit in "totaler Kommunikation" mit anderen Menschen liegt die Möglichkeit existenzieller Freiheit. Darin würden die "Chiffren des Seins" transparent.


WERKE:
Psychologie der Weltanschauungen (1919)
Die geistige Situation der Zeit (1931)
Philosophie (1932)
Nietzsche (1936)
Von der Wahrheit (1947)
Vom Ursprung und Ziel der Geschichte (1949)
Hoffnung und Sorge (1965)


QUELLEN:
Wikipedia
Meyers Großes Taschenlexikon


LITERATUR:
Burkhard, F.: Karl Jaspers; Würzburg 1985
Carr, G. R.: Karl Jaspers as an intellectual critic; Frankfurt/M. 1983
Hersch, J.: Karl Jaspers (übers.); München 1980
Saner, H. (Hg.): Karl Jaspers in der Diskussion; München 1973



BIOLOGIE




Die Biologie erforscht die Erscheinungsformen lebender Systeme sowie ihre Beziehungen zueinander und zu ihrer Umwelt.
Diese Systeme können unterschiedliche Ausprägungen haben, z. B.:
  • Mensch: Anthropologie (biolog. Anthropologie)
  • Tier: Zoologie
  • Pflanze: Botanik (= Phytologie)
Die taxonomische Einteilung der Lebewesen ist nicht so einfach, wie es aus früheren Schulbüchern scheint, sondern ständiger Wandlung unterworfen.
Modern ist eine Einteilung in 2 - 3 Domänen und 6 - 7 Reiche:

  • Eukaryoten 
  • Achäen (Urbakterien) ["Prokaryoten"]
  • Bakterien ["Prokaryoten"]

-> Eukaryoten: Tiere (Animalia), Pilze (Fungi), Pflanzen (Plantae);
                     Protista: Stramenoplie (Chromista), Protozoen/Urtierchen (Protozoa)

Ursprünglich wurde in der Taxonomie nur zwischen Tieren und Pflanzen unterschieden. Dann kamen einzellige Organismen (Einzeller) unter dem Namen Protisten hinzu. Dann trennte man die Pilze von den Pflanzen. In der Mitte des 20. Jhd.s wurde die fundamentale Unterscheidung zwischen Lebewesen mit Zellkern (Eukaryo(n)ten) und Lebewesen ohne Zellkern (Prokaryo(n)ten/auch: Monera) eingeführt. Einige Forscher sehen auch die Archäen (Urbakterien) als eigene Domäne, darunter Carl Richard Woese . Etwas andere Ansätze vertreten Forscher wie Thomas Cavalier-Smith.

Ab dem Taxon der Reiche existieren viele weitere Taxa:

  • Reich (Regnum); ggf. auch Unterreich (Subregnum)
  • Abteilung/Stamm (Divisio/Phylum)
  • Unterstamm (Subphylum)
  • Klasse (Classis)
  • Ordnung (Ordo)
  • Überfamilie (Superfamilia)
  • Familie (Familia)
  • Unterfamilie (Subfamilia)
  • Gattung (Genus)
  • Art (Species)
  • Unterart (Subspecies)
Merkformel: "RS-KOFGA"

Eine besondere Rolle kommt in der Taxonomie der Art (Species) zu. Diese wird aus verschiedenen Gründen heute noch nach "biologischer Art", "morphologischer Art" und "phylogenetischer Art" unterschieden.

Die Biologie verwendet seit Carl von Linné ("Systema Naturae") eine binominale Nomenklatur (binär).
Der erste Namensteil bezeichnet die Gattung, der Zweite ist das Beiwort (Epitheton) für die Art.
Bsp.: Wildpferd - equus ferus (Gattung: equus [Pferd]; Art: equus ferus [wildes Pferd/Wildpferd])
         Wolf         - canis lupus (Gattung: canis [Wolfs- und Schakalartige]; Art: canis lupus [Wolf])
                            ein Haushund wäre davon die Unterart canis lupus familiaris
         Wildkatze - felis silvestris (Gattung: felis [Katze]; Art: felis silvestris [Wildkatze, "Waldkatze"])
                           eine Hauskatze wäre davon die Unterart felis silvestris catus
         Feldhase  -  lepus europaeus (Gattung: lepus [Hase]; Art: lepus europaeus [Feldhase])
         Hausmaus - mus musculus (Gattung: mus [Maus]; Art: mus musculus [Hausmaus])


Biologische Teildisziplinen

Der Begriff "allgemeine Biologie" fasst folgende Teildisziplinen zusammen:
  • Biophysik (incl. Bionik) 
  • Biochemie
  • Molekularbiologie
  • Physiologie
  • Genetik (Vererbungslehre)
  • Anatomie
  • Histologie (Gewebelehre)
  • Zytologie (Zellenlehre)
  • Morphologie (Formenlehre)
  • Taxonomie (Systematik)
  • Paläontologie 
  • Phylogenie (Stammesentwicklung)
  • Ontogenie (Individualentwicklung)
  • Ökologie
  • Verhaltensforschung
Ein wichtiger Forschungsgegenstand der allgemeinen Biologie ist das Leben der Zellen.
Die wichtigsten Lebensvorgänge (Stoffwechsel, Fortpflanzung) stellen hierarchisch geordnete molekulare Prozesse dar, die an Zellen gebunden sind.
Dagegen befasst sich die spezielle Biologie mit systematischen Gruppen von Organismen, also mit Insekten (Entomologie) usw.


Der Begriff "spezielle Biologie" fasst u. a. folgende Disziplinen zusammen:
  • Insektenkunde (Entomologie)
  • Fischkunde (Ichthyologie)
  • Amphibien- und Reptilienkunde (Herpetologie)
  • Vogelkunde (Ornithologie)
  • Säugetierkunde (Mammalogie/Mammologie) 
  • Malakologie (Weichtierkunde) 
  • Pflanzenkunde (Botanik) 
  • Pilzkunde (Mykologie)
Man geht bei der Entwicklung des Tierreichs davon aus, dass sich wie in anderen Reichen aus Einzellern Vielzeller entwickelten.
Aus den einfachen tierischen Vielzellern (z. B. Schwämme) entstanden Gewebetiere (Eumetozoa; vielzellige Tiere mit echtem Zellgewebe - "Echte Vielzeller"), daraus Prot(er)ostomier/Urmünder (z. B. Weichtiere), die aber oft noch zu den Gewebetieren gerechnet werden und daraus wiederum einerseits Deuterostomier/Neumünder (Zweitmünder) und Wirbeltiere und andererseits Gliedertiere (z. B. Insekten).


Weiter kann man noch die "angewandte Biologie" abgrenzen. Die angewandte Biologie beschäftigt sich, wie der Name sagt, mit praktischen biologischen Problemen in der Land- und Forstwirtschaft, der Schädlingsbekämpfung, dem Natur- und Umweltschutz, dem Gesundheitswesen, der Lebensmittelüberwachung, der Abwasserreinigung und der Landschaftsgestaltung.


Biologiegeschichte


Die Erforschung von Lebensvorgängen und Lebewesen begann mit der Naturphilosophie in der griechischen Antike. Man sah die Natur meistens noch als geordneten Kosmos. Neben den griechischen Philosophen befassten sich auch Ägypter, Inder (Ayurveda) u. a. mit biologischen Themen.
Neben Interesse an Naturphilosophie oder speziell an der belebten Natur spielten auch medizinische Interessen eine Rolle.

Eine erste (bekannte) Systematisierung erfuhren wir mit Aristoteles. Er beschrieb Tiere anhand von Körperbau, Entwicklung und Lebensweise und versuchte sich an systematischen Gliederungen. Aus heutiger Sicht sind diese aber nur noch bedingt haltbar.
Die Botanik wurde von Aristoteles' Schüler Theophrast weiterentwickelt.

Im 2. Jhd. n. Chr. brachte der Arzt Galen (Galenos von Pergamon) die Medizin weit voran. In Pergamon gab es damals ein Asklepios-Heiligtum, das der Heilkunst gewidmet war. Galen erhielt weitere Inspirationen durch seinen Vater Nikos, durch seine Fahrt nach Alexandria, das ein damaliges Zentrum der medizinischen Forschung und durch seine medizinische Teilnahme an den Olympischen Spielen. Galen behandelte auch Gladiatoren, war als Truppenarzt tätig und versorgte in Rom Herrscher und Prominente.

Im europäischen Mittelalter war es mit der Entwicklung der Medizin nicht so weit her. Innovative Einflüsse kamen von Gelehrten der islamischen Welt, so von dem Perser Avicenna (latinisierte Namensform).

In der Renaissance begann man aber wieder, die empirisch fassbare Welt zu erforschen. Es kam zur Entdeckung neuer Arten und zu Fortschritten in der Anatomie. Hierzu gehören die Anatomen Andreas Vesalius und William Harvey (Blutkreislauf). Beide arbeiteten mit den Methoden des Experiments und der Beobachtung.
Die wissenschaftliche Klassifikation (Nomenklatur) von Organismen und Fossilien sowie die Verhaltensforschung wurde von Georges-Louis Leclerc de Buffon und Carl Linnaeus (von Linné) vorangebracht.
Ein weiterer Fortschritt brachte die Erfindung des Mikroskops. Die Welt der Mikroorganismen war bis dahin unbekannt. Jetzt war es auch möglich, sich mit den Zellen als Grundlage des Lebens zu beschäftigen.
Frühe Formen des Lichtmikroskops sollen Ende des 16. Jhd.s in den Niederlanden erfunden worden sein, als Erfinder der ersten "guten" Lichtmikroskope gilt Antoni(e) van Leeuvenhoek im 17. Jhd.
Das sich entwickelnde mechanistische Weltbild traf auch auf Gegenbewegungen wie die natürliche Theologie.

Im 18. und 19. entwickelten sich Botanik und Zoologie zu eigenständigen wissenschaftlichen Disziplinen. Lavoisier und andere studierten die Natur zunehmend mit chemischen und physikalischen Methoden. Alexander von Humboldt, der als grosser Entdecker galt, untersuchte die Beziehungen von Organismen und ihrer Umwelt. Sie erkannten die Abhängigkeit der Entwicklung der Organismen von ihrer geographischen Umgebung und schufen so die Grundlagen für Fächer wie Ökologie, Biogeographie und Verhaltensforschung.

Dadurch rückte die Artenvielfalt in das Zentrum der Betrachtung. Man erkannte auch, dass Arten aussterben können. Der Essentialismus wurde zunehmend abgelehnt. Dieser lehrte, dass es eine notwendige (ewige) Eigenschaft einer Sache gebe (lat. essentia - Wesen).
Die Zelltheorie brachte die Biologie und ihre Unterdisziplinen weiter voran und verbesserte das Verständnis von Organismen. Hinzu kamen Erkenntnisse aus Embryologie und Paläontologie. Damit waren wichtige Vorarbeiten für Darwins bahnbrechende Theorie von der Evolution der Arten durch natürliche Selektion geleistet. Vorstellungen einer "Urzeugung" wurden damit bis zum Ende des 19. Jhd.s an den Rand gedrängt. Stattdessen entwickelte man eine Theorie der Keimbahn, obwohl man erst rudimentäre Einblicke in die Genetik besass. Frühe genetische Erkenntnisse lieferten die Arbeiten von Gregor Johann Mendel. Leider dauerte es eine Weile, bis sich seine Ansichten durchsetzten. Im frühen 20. Jhd. entdeckte man seine Erkenntnisse erneut.

Von nun an wurde die Genetik aber deutlich in Angriff genommen. Thomas Hunt Morgan und seine Schüler brachten die Forschung intensiv voran. Sie vereinigten in ihrer neodarwinistischen Synthese die Prinzipien der Populationsgenetik mit der natürlichen Selektion. Dann schlugen James D. Watson und Francis Crick die Struktur der DNA (DNS) vor. Das "zentrale Dogma" der Molekularbiologie wurde etabliert. Damit ist eine 1958 von Francis Crick publizierte Hypothese gemeint, die den Informationsfluss zwischen den Biopolymeren DNA, RNA und Proteinen erklären wollte. Der Begriff Dogma wirkte griffig, wurde von Crick später aber als zu unkritisch bezeichnet. Er meinte einfach eine Hypothese.
Nun konnten weitere wissenschaftliche Disziplinen entstehen und es kam zur Aufspaltung der Biologie in eine "Biologie der Organismen" (Lebewesen) und eine Biologie der Zell- und Molekularbiologie.
Im späten 20. Jhd. entstanden aber auch gegenläufige Trends, die die Zweige der Biologie wieder zusammenführen wollten. Dazu gehört die Genomforschung und die Proteomik. Ein Proteom umfasst die Gesamtheit aller in einer Zelle oder einem Lebewesen unter definierten Bedingungen und zu einem definierten Zeitpunkt vorliegenden Proteine. Begriffe wie Proteom und Transkriptom sind im Gegensatz zum Genom eher statisch gedacht.
Auf jeden Fall sind in den Biowissenschaften und Lebenswissenschaften noch viele weitere Entwicklungen zu erwarten.

Dienstag, 17. Dezember 2013

HEXAGONALE FARBMUSTER

TARNFARBEN (CAMOUFLAGE) - "BUNTFARBENAUFDRUCK"

Ich habe früh mit Tarnfarbenmustern experimentiert. Eigentlich fing es schon damit an, dass man in der Schule Grünfarben mischen musste. Mit der Zeit beschäftigte ich mich intensiver mit Tarntheorie. In der Armee war die Unterrichtseinheit "Tarnen und Täuschen" Pflicht.
Schon mit dem ersten PC erschuf ich runde, eckige oder lineare Grundmuster, die ich dann unterschiedlich kolorierte. Hier verwende ich ein einfaches Hexagonalmuster, um schneller verschiedene Farbkombinationen testen zu können. Es ist eine Vereinfachung der Lozenge Camouflage der Mittelmächte des Ersten Weltkrieges, die auch Buntfarben(auf)druck genannt wurde. Lozenge ist der englische Begriff für diese Polygonmuster und heisst eigentlich Raute. Damals hat man der Einfachheit halber Tarnstoffe mit eckigem Grundmuster verwendet, die dann unterschiedlich koloriert wurden. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges wurden auch feste Materialien wie Stahlhelme so abgetarnt. Erst in den 30er-Jahren verwendete man in Deutschland kompliziertere Sprühtechniken für Fahrzeuge und Einrichtungen und konnte somit kompliziertere Tarnmuster darstellen. Bei den Uniformen dauerte es trotz früher Experimente noch länger, bis Tarnmuster eine weitere Verbreitung fanden. Ab Mitte der 30er-Jahre entwickelte Johann G. O. Schick für die Waffen-SS diverse Flecktarnmuster, wonach diese als weltweit erste Truppe grossflächig solche Tarnstoffe einsetzte. Viele Bezeichnungen für unterschiedliche Flecktarnmuster stammen aus späterer Zeit: Platanen, Rauchtarn, Eichenlaub (Eichentarn), Erbsen, Leiber (authentischer Name!) und Blocktarn. Manchmal wurden solche Muster auch bei der Wehrmacht eingesetzt, z. B. bei Fallschirmjägern.
Die Flecktarnmuster haben eine gute konturauflösende Wirkung, auch wenn Armeen wie die US-Army später auf grossflächigere Muster setzten. Flecktarnuniformen aus der Weltkriegszeit wurden auch nach dem Krieg noch in einigen Armeen aufgebraucht. Neue Ansätze in diese Richtung findet man z. B. in der österreichischen Armee (Erbsentarn) der 70er-Jahre und in der dänischen und der deutschen Armee ab den 90er-Jahren.
Heute wird stärker mit Matrixmustern experimentiert.

Wald - 2farbig

Wald - 3farbig

Wald - 4farbig

Wald - 4farbig

Wald - 3farbig, Linie


Wüste - 3farbig

Wüste - 4farbig

Dschungel

Marine - 4farbig

Marine - 4farbig (gedeckt)

Marine - Xfarbig


Lozenge - 4farbig (I. Weltkrieg)

Lozenge - 4farbig (I. Weltkrieg, spez.)


NICHTMILITÄRISCHE HEXAGONALMUSTER

DISKO

Diskotarn - 3farbig


Diskotarn - 4farbig


Diskotarn - 5farbig, UV-sensibel

BOTANIK 

Schwarzäugige Susanne (Blume)

Türkenmohn (Blume)



WINTERSPORT

Pistenteufel

Eiskristall

Dienstag, 10. Dezember 2013

PLATONISCHE DIALOGE (NICHT VOLLSTÄNDIG)


Charmides (Frühwerk): Besonnenheit, Selbsterkenntnis
Sokrates erörtert die Besonnenheit (swfrosunh) mit Charmides (Onkel Platons) und Kritias (Onkel Platons) und setzt sie zur Selbsterkenntnis in Bezug. Der Dialog endet mit einer Aporie.

Euthydemos (Frühwerk): Eristik [Verspottung der sophistischen Trugschlüsse]
Sokrates erörtert die Kunst des Streitgesprächs (Eristik). Euthydemos und Dionysodoros, beide Sophisten, erläutern die eristische Debattierkunst. Es geht dabei nicht um Wahrheitsfindung, sondern um den Sieg über den Debattengegner. Sokrates sieht das kritisch. Der Dialog endet aporetisch.

Euthyphron (Frühwerk): Frömmigkeit, Gerechtigkeit
Sokrates diskutiert mit Euthyphron über das Wesen der Frömmigkeit und ihr Verhältnis zur Gerechtigkeit.
Die Frömmigkeit erweist sich aber als schwer fassbar. Der Dialog endet aporetisch.

Gorgias (Frühwerk): Rhetorik [gegen falsche Rhetorik]
Sokrates diskutiert mit Gorgias, Polos und Kallikles über das Ziel und die Bewertung der Rhetorik. Ferner diskutiert er über das richtige Leben, Redner und Politiker und die Bewertung des Begehens und Erleidens von Unrecht.

Ion (Frühwerk): Dichtkunst
Sokrates diskutiert mit dem Rhapsoden Ion (wandernde Sänger für epische Dichtung) über Dichtung und ihr Verhältnis zur Philosophie. Sokrates spricht Ion als Dichter den Besitz von Fachwissen ab.

Kratylos (inhaltliches Mittelwerk): Namen/Benennungen [gegen sprachliche Untersuchungen der Sophisten]
Sokrates erörtert mit dem Philosophen Kratylos und mit Hermogenes die Frage, ob Namen und sprachliche Bezeichnungen ihren Gegenständen von Natur aus zugeordnet und damit objektiv richtig sind. Kratylos meint ja, für Hermogenes beruhen sie nur auf Konvention. Bei einem gegebenen naturgegebenen Zusammenhang wären Wörter Erkenntnismittel. Auch dieser Dialog endet in der Aporie.

Kritias (Spätwerk): Atlantis
Sokrates spricht mit dem Pythagoreer Timaios von Lokroi, Hermokrates und Kritias (Platons Onkel).
Kritias berichtet vom Atlantis-Mythos. Der Dialog ist aber unvollendet geblieben.

Kriton (Frühwerk):
Kriton besucht den zum Tode verurteilten Sokrates im Gefängnis und will ihn zur Flucht überreden. Sokrates lehnt die mit einer Flucht angeblich verbundene Missachtung der Gesetze ab.

Laches (Frühwerk):
Sokrates diskutiert mit Lysimachos und Melesias, die sich um die Erziehung ihrer Söhne sorgen, sowie dem Politiker Nikias und dem Truppenführer Laches über die Tapferkeit. Aber auch dieser Dialog endet aporetisch.

Lysis (Frühwerk):
Sokrates unterhält sich mit den Knaben Ktesippos, Menexenos, Hippothales und Lysis über Freundschaft, erotische Beziehungen und unerwiderte Liebe. Bei der Bestimmung des Begriffs Freund endet der Dialog aporetisch.

Menexenos (Frühwerk):
Sokrates diskutiert mit seinem Schüler Menexenos (älter als im Lysis) über die Abfassung von Reden. Menexenos will aktiv in die Politik eingreifen und bittet Sokrates um Rat.

Menon (Frühwerk): [Lehrbarkeit der Tugend, Wiedererinnerung]
Sokrates spricht hier mit Menon von Pharsalos, einem thessalischen Truppenkommandeur, seinem Sklaven und dem athenischen Politiker Anytos. Es geht um die Frage, was Tugend ist und ob sie lehrbar ist.
Der Ausgang ist einmal mehr aporetisch.

Nomoi (Spätwerk):
Die Nomoi (Gesetze) sind Platons umfangreichste Schrift. Ausgerechnet hier kommt Sokrates nicht vor.
Drei ältere Männer, der Kreter Kleinias, der Spartaner Megillos und ein nicht namentlich genannter Athener unterhalten sich bei einem Rundgang in Kreta über (ideale) Staatsformen und die Gesetzgebung.
Die Gruppe beginnt ihre Diskussion mit allgemeinen Überlegungen und plant dann eine konkrete Staatsgründung auf Kreta.

Parmenides (inhaltliches Spätwerk):
Der noch junge Sokrates trifft die Philosophen Parmenides und Zenon von Elea und den jungen Aristoteles (nicht der Schüler Platons). Die Gruppe unterhält sich über Ontologie und insbesondere über die Ideenlehre.
Die Unterhaltung endet apriorisch.

Phaidon (inhaltliches Mittelwerk):
Phaidon von Elis, Schüler des Sokrates, berichtet dem Pythagoreer Echekrates, wie Sokrates sich am Tag seiner Hinrichtung mit Freunden unterhalten hat. Sokrates unterhielt sich dabei hauptsächlich mit Simmias und Kebes aus Theben. Sokrates rechtfertigte dabei seine Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und legte die Ideenlehre dar.  

Phaidros (Mittelwerk):
Sokrates unterhält sich mit seinem Freund Phaidros über die Liebesleidenschaft, die als eine von vier Arten göttlichen Wahnsinns beschrieben wird. Sokrates spricht auch über die Unsterblichkeit der Seele.
Später geht das Gespräch zu einer kritischen Betrachtung der Rhetorik über und grenzt diese vom Wissen ab. Sokrates unterscheidet rhetorische Überzeugungskunst von philosophischer Wahrheitssuche und will sie höchstens im Dienst letzterer akzeptieren.

Philebos (Spätwerk):
Sokrates diskutiert mit Philebos und Protarchos über deren hedonistische Lehre und speziell über die These, dass das Gute mit der Lust gleichzusetzen sei. Sokrates vertritt dagegen die Meinung, dass Lust zwar zum guten Leben gehöre, aber der Vernunft untergeordnet werden müsse. Er billigt daher nur die reine Form der Lust (unlustfrei), die die Vernunftstätigkeit nicht gefährdet.

Politeia (Mittelwerk):
Politeia ist ein sehr langer Dialog. Die Hauptgesprächspartner des Sokrates Glaukon und Adeimantos, die Brüder des Platon. Weitere Gesprächspartner sind der Sophist Thrasymachos, der Geschäftsmann Kephalos und dessen Sohn Ptolemarchos.
In dem Dialog werden viele Themen angesprochen. Ausgangspunkt der Diskussion ist die Frage nach der Definition der Gerechtigkeit. Unter Gerechtigkeit versteht Sokrates das angemessene (naturgemässe) Verhältnis zwischen Teilen und Ganzheit. Er beschreibt einen für ihn gerechten Idealstaat, dessen Bürgerschaft in drei harmonisch zusammenwirkende Stände aufgeteilt ist. Platons Ideenlehre bildet die ontologische Grundlage dieses Staatskonzepts. Die Ontologie wird mit drei Gleichnissen veranschaulicht, dem Sonnengleichnis, dem Liniengleichnis und dem Höhlengleichnis.

Politikos (Spätwerk):
Anwesend sind neben Sokrates der (gleichnamige) Philosoph Sokrates, der "der Jüngere" genannt wird, der Mathematiker Theodoros von Kyrene und der Fremde aus Elea, ein namentlich nicht genannter Gast.
Die Debatte findet zwischen Sokrates dem Jüngeren und dem Fremden statt und wird von dem Fremden geleitet. Es geht um die Definition des Staatsmannes und seinen besonderen Aufgabenbereich.
Die Staatskunst wird mit der Webkunst verglichen (Weber-Gleichnis).




-

Apologie:



Protagoras:

Sophistes:

Symposion:

Timaios:

Theaitetos:



Montag, 9. Dezember 2013

PINZNER, WERNER

SPITZNAME: DER ST. PAULI-KILLER



* 1947
+ 1986

Werner "Mucki" Pinzner war ein deutscher Arbeiter, Bordellwirtschafter und Auftragsmörder.

Anhang:
Die Banden auf St. Pauli



JUGEND

Er wuchs in Hamburg in einem problematischen Wohnumfeld auf. Sein Vater war Rundfunkmechaniker, seine Mutter arbeitete in einer Lebensmittelfiliale. In der Familie gab es permanent Streit.
Pinzner galt schon in der Schule als faul, wenn auch nicht ohne eine gewisse Bauernschläue. Er schikanierte schon damals andere Mitschüler. Auch kannte er den späteren Zuhälter Stefan Hentschel, dessen Eltern aus der DDR geflüchtet waren. Hentschel erzählt in seiner Autobiographie von einer frühen Begegnung in der Schulzeit, wo er innerhalb seiner Jugendbande eine Waffe aus dem Zweiten Weltkrieg "sichergestellt" hatte. Pinzner wollte auch mit dieser Waffe spielen, durfte es aber nicht und verpfiff daraufhin die Kameraden bei der die Polizei (Quelle: Ariane Barth - Im Rotlicht. Das explosive Leben des Stefan Hentschel). Pinzner begann schon früh mit Straftaten.
Mitte der 60er-Jahre fuhr Pinzner zur See, arbeitete als Fahrer und machte einige andere Kurzzeitjobs. Bei der Bundeswehr gefiel es ihm, aber eine längere Anstellung scheiterte an seinen bereits gesammelten Vorstrafen. Einige Vorgesetzte schätzten aber seine Durchsetzungsfähigkeit.


FRÜHE 70ER-JAHRE UND HAFTSTRAFE

Pinzner lernte zum Jahrzehntwechsel seine Frau kennen und bekam mit ihr 1971 seine Tochter Birgit. Doch schon ab 1970 sammelte Pinzner auch Gefängnisstrafen. Seine Frau hielt aber zunächst zu ihm, weil sie um seine gewaltintensive Kindheit wusste. Bei seinen Gefängnisstrafen soll Pinzner auf den Freigängen mehrere "Brüche" verübt haben. Zusätzlich arbeitete er in Schlachtereien und als Gerüstbauer.
Seine Ehefrau tolerierte Pinzners Verhalten bis zu einem gewissen Punkt, wollte sich ihm aber nicht unterordnen, was Pinzner einmal bis an den Rande eines Selbstmords gebracht hat. Das änderte sich, als er 1975 einen Supermarkt überfiel, bei dem der Leiter des Marktes erschossen wurde. Jetzt war für Pinzners Frau das Mass voll und sie liess sich scheiden. Bei dem Prozess wegen des Überfalls lernte Pinzner bereits die spätere Milieuanwältin Leonore Gottschalk-Solger kennen, die in diesem Fall aber für die Gegenpartei arbeitete. Pinzner wollte mit ihr in seiner Zelle sprechen, doch "GoSo" lehnte ab - wahrscheinlich zu Recht, wie sich später herausstellen sollte (GoSo verteidigte u. a. Peter Nusser).


ENDGÜLTIGER EINSTIEG INS MILIEU

Im Gefängnis lernte Pinzner Milieugrössen kennen und den Handel mit Drogen zu schätzen. Neun Jahre sass er in der JVA "Santa Fu" Fuhlsbüttel und kam danach in den offenen Vollzug in Vierlande. Als er erwischt wurde, wie er einen Haschischbollen im Mund schmuggelte, bekam er noch einige Monate mehr aufgebrummt. Im Knast erhielt er auch seinen Revolver der Marke Arminius .38 Special mit zehn Zügen Rechtsdrall. Dieses spezifische Merkmal der Waffe sollte das Geschoss besser stabilisieren und wurde Pinzners Markenzeichen ("zehn Züge Rechtsdrall"), machte ihn aber auch für die Spurensicherung erkennbar. Auch die Bearbeitung der Waffe mit Schmirgelpapier half dann nicht mehr.
Pinzner nutzte die damaligen liberalen Sitten im Strafvollzug aus und verstaute den Revolver in seinem Schliessfach. Noch vor seiner Entlassung im Juli 1984 beging er weitere Straftaten.
Pinzner hatte das Problem, dass in der damaligen Zeit die Arbeitslosigkeit steil anstieg. Er fand auf dem robuster werdenden Arbeitsmarkt auch in einfachen Bereichen keinen Job mehr. In dieser Situation hielt er es für angemessen, das Milieu nach einer Anstellung zu fragen. Pinzner hatte mit der Zeit auch ausserhalb der Gefängnismauern während seiner Freigänge Kontakt zum Milieu. Dort wurde gerade ein "Enforcer" gesucht, da durch AIDS-Angst, Wirtschaftskrise und Kokainboom die Zeiten angespannter wurden.
Pinzner kam sich mit seiner Waffe und seinen "Manieren" stark vor, wurde aber auch in der Unterwelt nicht richtig anerkannt. Das machte ihn wiederum auch für die eigenen Leute gefährlich.
Pinzner inszenierte sich gerne als Kraftmax, auch wenn seine Muskelmasse nicht mit modernen gedopten Athleten vergleichbar war. Er liebte seinen Revolver heiss und innig, besass Kampfhunde und liess sich gerne auch nackt fotographieren. Einige Nacktfotos vergrösserte er auf Postergrösse und hängte sie bei sich zu Hause auf. Doch auch ein Pinzner war nicht ohne Schwächen: Er hatte an den Händen eine starke Allergie, die ausgerechnet auf seine Schusswaffen ansprang. So etwas kann vererbt sein, durch Allergene getriggert werden oder auch durch Stress verursacht oder verstärkt werden. Aus diesem Grund trug Pinzner seine Hände manchmal in Handschuhen oder Manschetten.


NACHGEWIESENE AKTIONEN

Im Juni 1984 beging Pinzner mit zwei Komplizen einen Raubüberfall auf einen ADAC-Geldboten, was möglicherweise ein Testfall war. Einige Experten meinen, er habe auch schon früher aus dem Knast heraus Straftaten begangen und war möglicherweise bereits in den Mord (Selbstmord?) an Michael Luchting 1982 beteiligt. Es lässt sich aber nicht mit Sicherheit sagen, ob er damals Freigang hatte oder nicht.
Im Juli 1984 erschoss Pinzner mit dem Komplizen Armin Hockauf den Zuhälter Jehuda Arzi. Arzi sollte erst durch Fingerabhacken eingeschüchtert werden, doch Pinzner wollte keine halben Sachen machen und auch keine "Leute quälen". Arzi war Zuhälter, Spieler und Drogendealer und erpresste seine Ex-Frau mit ihrer Milieuvergangenheit. Vielleicht erpresste er auch den Zuhälter Peter Nusser. Ausserdem kam er in Konstanz am Bodensee (Etablissement "Klein-Paris") und anderswo mit Konkurrenten im Rotlichtmilieu in Konflikt und versteckte sich deshalb in Kiel. Der Tip, dass er sich in dort aufhielt, kam übrigens aus Zuhälterkreisen in Karlsruhe, die damals gut mit Hamburg-St. Pauli zusammenarbeiteten.
Als nächsten Hit erschoss Pinzner Peter "Bayern Peter" Pfeilmeier. Es gab mehrere Gründe, warum Pfeilmeier im Milieu störte. Er geriet mit seinem Partner Peter "Wiener Peter" Nusser in Konflikt, hatte seine Finanzen nicht mehr im Griff, geriet oft mit Bordellgästen in Streit und war Beteiligter und damit Mitwisser des ADAC-Überfalls und möglicherweise einiger anderer Aktionen. Drogenabhängige, die über belastende Informationen verfügen, benutzen diese gerne für Erpressungen. Pfeilmeiers in vieler Hinsicht unkontrolliertes Verhalten hing sicher auch mit seinem hohen Kokainkonsum zusammen. Einmal geriet er auch in einen Streit mit dem Zuhälter Stefan Hentschel, der oben gerade mit einer Prostituierten zu Gange war, dort hörte, dass Pfeilmeier wieder Streit mit Freiern suchte ("den Lauten machte"), sich dann ein Handtuch umband und schliesslich Pfeilmeier mit der Faust niederstreckte (Quelle: Ariane Barth - Im Rotlicht. Das explosive Leben des Stefan Hentschel).
Einen Kokaindeal nutzte man auch, um Pfeilmeier in eine Falle zu locken. Werner Pinzner und Armin Hockauf liessen sich von Pfeilmeier in seinem Auto (Pontiac) durch die Gegend fahren und wussten angeblich nicht mehr genau, wo der Zielort war. Als Pfeilmeier dann hielt machte Pinzner einen Kommentar über den Seitenspiegel. Als Pfeilmeier dann zur Seite schaute, bekam er von schräg hinten einen Kopfschuss und war sofort tot. Pinzner bemerkte noch, dass Pfeilmeier ein Ei aus dem Kopf gewachsen sei, weil die Kugel noch im Schädel bei der Augenhöhle steckte. Pfeilmeier wurde tot in seinem Auto in einer Hamburger Wohngegend zurückgelassen, was eigentlich wegen möglicher Zeugen unprofessionell war.
Pinzner erhielt für seinen Hit jedoch nicht alle der zugesagten Vergünstigungen. Dadurch blieb er zwar abhängig und schwach, was wohl im Sinne seiner Auftraggeber war, wurde aber auch unberechenbar und rachsüchtig.
Der nächste Hit war der an Dietmar "Lackschuh" Traub, der auch ein Mitarbeiter von Peter Nusser war und auch durch überhöhten Kokainkonsum zunehmend die Kontrolle über sein Geschäftsgebaren verlor.
Dietmar Traub wollte sich auch dem gemeinsamen Bordell "Palais d'Amour" zurückziehen und betrieb auch separate Kokaingeschäfte, was den Luden auf St. Pauli nicht so gut gefiel. Traub war eigentlich ein schwäbischer Friseur, der in St. Pauli neben dem Puffgeschäft andere Aktivitäten betrieb. Man kannte ihn z. B. durch seine führende Rolle im MB-Club (offiziell Billard, inoffiziell Drogen und Glücksspiel), einem Hauptquartier der Unterwelt. Traub soll einerseits ein gefürchteter Karatekämpfer gewesen sein, wirkte andererseits aber auch sanft und provinziell. Dagobert Lindlau (Quelle: D. L. - Der Lohn-Killer) bringt ihn auch als Verdächtigen bei der Exekution von Fritz "Chinesen-Fritz" Schroer in Verbindung. Der Exekutor war Südländer oder nur verkleidet als Südländer, trug Schuhe mit erhöhten Absätzen wie Traub und die Nutzniesser des Hits waren Nusser und Traub. Ausserdem brüstete sich Werner Pinzner einmal, den Mörder des Chinesen-Fritz umgebracht zu haben (allerdings in Österreich).
Als Dietmar Traub im Raum München eine Prostituierte kontrollieren sollte, schlug das Milieu ihm einen Kokaindeal vor und lockte ihn damit in die Falle. Pinzners geruhsame Art traf im Milieu nicht gerade auf Gegenliebe. Jetzt musste der Hit klappen.
Mucki Pinzner war über Heilbronn angereist (Übernachtung bei Hannes Söhner, dem "Häuptling von Heilbronn"), holte Traub mit Armin Hockauf ab und erschoss ihn dann bei einer vorgetäuschten Autopanne. Dabei wurde der sterbende Traub noch mit den Füssen misshandelt, möglicherweise von Pinzner, da Traub ein vorheriger Geliebter von Pinzners Ehefrau Jutta war.
Der offiziell letzte Hit war der gegen die Gruppe um Waldemar Dammer und Stefan Hentschel geplant, zu der auch Guido Birke und Ralf Kühne (sowie andere) gehörten.
Diese Gruppe war tief im Rotlichtgeschäft aktiv und höchstwahrscheinlich auch im Kokaingeschäft.
Hentschel hatte anfangs eine Gruppe mit dem Geschäftsmann Axel Gantwurzel aufgebaut, an der auch ehemalige GMBH-Mitglieder beteiligt waren. Daneben arbeitete er aber auch mit Dammer zusammen.
Hentschel hatte eine gewisse Begeisterung für Afrika und die Karibik und Dammer war ein Mischling aus Bayern bzw. Franken. Beide interessierten sich ausserdem für das Boxen bzw. Kickboxen, waren "Kumpeltypen", schlugen gerne Gegner nieder, gingen oft auf Parties und hatten in Steigen im Eros-Center investiert, Dammer ins Hollywood und Hentschel in den Salon Mademoiselle und ins Bel-Ami (1982 fand dort die berühmte Schiesserei mit Nutella-Leuten statt, bei der Hentschel nicht anwesend war). Dammer zog aber aus seiner Heimat noch einen Tross von Adjutanten hinter sich her, von dem ihm einiger Ärger drohte.
Bei einem Dealertreffen der Gruppe wollte man Dammer, Hentschel & Co. abpassen. Die selbstbewusste bis über-selbstbewusste Bande um Dammer und Hentschel ist sehr schnell zu grosser Macht emporgestiegen und provozierte ihre Gegner mehrfach öffentlich. Dabei kam es auch dazu, dass sie den Zuhälter Peter Nusser vor Augen seiner Prostituierten zusammenschlugen. Personen der Gruppe griffen aber auch Vertreter des Chikago sowie Heilbronner Zuhälter auf Besuch an, die gerne in Indianerkonstümierung Feste feierten. Pinzner als Hitman gegen die Gruppe um Hentschel und Dammer wurde sicher von Peter Nusser, wahrscheinlich aber auch von der ganzen Chikago-Gruppe unterstützt. Man drängte den gemächlichen Pinzner sogar dazu, ein bisschen schneller zu machen, weil man sonst andere Killer holen würde.
Ein sich anbahnendes Treffen bei Dammer, bei dem es wohl auch um Drogengeschäfte mit US-Kriminellen ging, sollte dafür genutzt werden. Als Aufhänger hatte man den Dammer-Vertrauten Siggi Träger umgedreht, der nun als Türöffner für Pinzner dienen sollte. Träger hatte wahrscheinlich auch etwas mit Dammers Frau.
An sich war der Plan gut eingefädelt und die beiden Hitmen gut vorbereitet. Auffällig ist nur, dass 2 - 3 Personen aus dem erwarteten Kreis in der Szenerie fehlten.
- Stefan Hentschel war gar nicht zugegen, weil er sich gerade auf Urlaub befand. Möglicherweise ist er von einigen aus dem Milieu gewarnt worden. Gerüchteweise hat man ihm gesagt "Pass auf, Stefan, für dich sammeln sie auch schon!". Hentschel soll seinerseits vorher gedroht haben, seine Gegner "auf dem Zettel" zu haben. Das wird bei Dagobert Lindlau behauptet (Quelle: D. L. - Der Lohnkiller), ebenso wie die Tatsache, dass Hentschel sicherheitshalber belastendes Material gegen die Chikago-Leute bei seinem Anwalt deponiert hatte. Seinen Kompagnon Dammer hat er aber nicht gewarnt. Anscheinend ist aber Dammer bei früheren Treffen aufgefallen, dass er beschattet wurde, nur konnte er den beobachteten Pinzner nicht zuordnen ("Du kannst mir in den Schuh scheissen, der wollte mich töten!").
- Guido Birke war ebenfalls nicht am Tatort anwesend, weil er angeblich in einem Stau steckte. Hier stellten sich den Ermittlern Fragen, weil er ja Pinzner seinen berühmten .38er-Revolver in Spezialausführung besorgt hat. Hat Pinzner ihn gewarnt?
- Dammers Ehefrau ist auch nicht anwesend gewesen, sondern war gerade beim Bäcker Kuchen holen. Auch hier ist nicht klar, ob es sich um einen Zufall handelte. Pinzner und Träger wollten sie auf jeden Fall nicht im Schussfeld haben. Ausserdem war die Frau inzwischen mit Männern der Gegenseite liiert.
So oder so griffen Pinzner und Träger an, möglicherweise logistisch unterstützt von Joe Marx. Sie betraten Dammers Wohnung, wo sie nur einen Teil der Zielgruppe vorfanden, gingen für den geschäftlichen Teil in den Keller und gerieten gleich in Streit. Dammers Assistent Ralf "Korvetten-Ralf" Kühne konnte es nicht ertragen, dass der illoyale Träger in der Hierarchie jetzt über ihm stehen sollte.
Träger zog darauf schnell die Pistole und erschoss Kühne und Dammer. Dammer drehte sich dabei tot auf seinem Bürostuhl und hatte später beim Auffinden blau unterlaufene Augenlider wie ein Transvestit.
Auf dem Rückweg wechselten Pinzner und Träger das Fluchtauto und brachten sich in Sicherheit. Pinzner soll später noch demonstrativ auf dem Kiez vorbeigefahren sein, um ein Alibi zu haben und andere einzuschüchtern. Er prahlte, dass es in Hamburg-Schnellsen "5 aus 38" gab (38er-Revolver).
Für diesen schweren Hit sollten Dammer und Träger eigentlich 60.000 DM erhalten (pauschal als "Package Deal"). Da sie aber nur Dammer und Kühne trafen und davon nur Dammer zur vorher anvisierten Gruppe gehörte, sollte Pinzner weniger bekommen. Pinzner konnte sich aber insoweit durchsetzen, dass er nicht nur 20.000 DM bekam.

Nun stellte sich die Frage, was noch zu tun sei. Die Zuhälter auf St. Pauli wurden zunehmend grössenwahnsinnig und versuchten, sich immer mehr Städte (West-) Deutschlands untertan zu machen.
Dabei schauten sie nicht mehr nur auf nahe Städte wie Hannover oder Kiel, sondern auch auf Süddeutschland und hier beispielsweise auf Heilbronn. Heilbronn am Neckar lag auf einer Handelsstrasse in Richtung Frankfurt (auch illegal) und war durch seine damalige US-Garnison ein wichtiger Nachfragefaktor für Nutten und Drogen.
St. Pauli versuchte nun, über die Karlsruher Zuhälter als Hebel zunehmend Kontrolle über Heilbronn zu bekommen. Die dortigen Zuhälter unter der Führung des selbstbewussten Hannes Söhner wehrten jedoch mehrere Angriffe ab, konnten aber nicht verhindern, dass einige ihrer Männer zusammengeschlagen wurden. Man vermutet auch, dass Söhners Männer ihrerseits einige konkurrierende Etablissements von Karlsruhern in Heilbronn angezündet haben.
Einen Angriff von Chikago-Leuten auf Söhners Hauptquartier "Je t'aime" an der Neckarsulmer Strasse (seit den frühen 80ern bis heute in Betrieb!), an dem auch Ringo Klemm und Kalle Schwensen beteiligt gewesen sein sollen, schlug aber fehl, da Söhners Leute das Anwesen rechtzeitig schützen konnten und die Angreifer unverrichteter Dinge auf zerstochenen Reifen wegfahren mussten.
Nun sollte Pinzner auch da für Ruhe sorgen, machte aber zunehmend Probleme. Pinzner war erstens selber ein Intensivkonsument, zweitens fühlte er sich mehrfach von den St. Paulianern betrogen und drittens mochte er Söhner ("ein Grader") und kannte ihn noch von seiner Übernachtungsaktion vor dem Traub-Mord und der schönen Prostituierten, die er damals gebumst hatte. Auffallend war, dass die Kiezgrössen sogar schon beim Vorschuss für den Hit zögerlich waren. Es lag in der Luft, dass der Killer bald ausgedient haben würde und selber zur Beseitigung anstand. Angeblich soll angedacht worden sein, dass man Pinzners Leiche ausbluten lässt und dann ausgehungerten Kampfhunden zum Frass vorwirft, wie man es einst Hentschel angedeihen lassen wollte.
Pinzner weigerte sich, Söhner zu liquidieren und legte ihm die "Körner" seiner Revolvertrommel auf den Tisch ("Die sind für dich bestimmt!"). Danach und nach einigen frechen Bermerkungen Pinzners war in St. Pauli das Mass voll.
Pinzner stand zum Abschuss frei. Dass er nicht liquidiert wurde, lag nur daran, dass es noch zwei weitere Parallelentwicklungen gab, die mit den Killern des Killers um die Wette liefen. Zum einen war Pinzner inzwischen selber lebensmüde geworden und wollte sich mit einer Überdosis töten. Zum anderen waren die Fahnder ihm schon dicht auf der Spur und griffen ihn auf, bevor es die Unterwelt tun konnte.


FESTNAHME PINZNERS

Als Pinzner dann festgenommen wurde, wobei er sich zu seinen Ungunsten noch wehrte, kam er gleich in den Hochsicherheitstrakt, weil die Polizei Angst hatte, dass das Milieu ihnen den Killer wegschiessen wollte. Diese Vorsicht war berechtigt, denn das Polizeipräsidium wurde von nun an von aussen beschattet und herausfahrende Autos von Milieuautos verfolgt.
Als das keine Wirkung zeigte, versuchte das Milieu, im Gefängnis Häftlinge anzuwerben, die Pinzner töten konnten. Einige Rocker sagten zuerst zu, sprangen dann aber ab.
Zum Ärger des Milieus beschloss Pinzner nun erst recht, auszupacken. Er fühlte sich von seinen früheren Komplizen hintergangen. Pinzner sagte allerdings sehr zögernd aus und nicht gegen alle Gruppen gleich intensiv.
Gegen Peter Nusser packte er sehr gerne aus, da dieser ihn mehrfach ausgetrickst hatte. Bei seinen Helfern bei den Hits hielt er sich dagegen zurück, weil er mit ihnen gut zusammengearbeitet hatte. Erst das beharrliche Fragen der Fahnder und die Erinnerung daran, dass ihn Armin Hockauf um einen Teil seines Mörderlohnes betrügen wollte, liessen ihn umdenken.
Am schwersten tat Pinzner sich mit Aussagen gegen die Chikago-Gruppe. Die Fahnder wurden deshalb zunehmend ungehalten. Später kam heraus, woran das vermutlich lag: Pinzner hatte über seine Anwältin Kontakt zum Chikago aufnehmen lassen und Schweigegeld gefordert. Das Chikago hat ihm im Gegenzug mit Anschlägen auf seine Person oder auf seine Tochter gedroht. Wenn sich Pinzner aber das Leben nehmen würde, könnte seine Tochter aus dem Milieu eine Rente erhalten. Möglicherweise entstand hier auch die Idee, dass Pinzner dabei gleich noch den Staatsanwalt und vielleicht einige Polizisten erschiessen könnte. Das liess sich aber später nicht mehr nachweisen. Bei der Pinzners Anwältin wurden aber verdächtige Notizen gefunden.
Generell war Pinzner nicht zufrieden mit dem Verhalten seiner Anwältin. Sie hatte eigenmächtig Geschäfte mit Journalisten gemacht, um seine Story zu vermarkten. Die Presse erhielt von ihr Informationen, wann Pinzner Hofgang hatte und dass er über einen besonderen Abgang ("Exitus triumphalis") nachdachte. Deshalb belastete Pinzner, der in seiner Gefängniszelle Tagebuch schrieb, seine Anwältin ("die Friedenstaube") darin schwer. Der Name der Anwältin darf aus Gründen der Resozialisierung nicht mehr öffentlich genannt werden, ist aber in alten Spiegel-Ausgaben zu finden. Einige Ermittler vermuten, dass Pinzner sogar mit ihr eine Affäre hatte.


EXITUS TRIUMPHALIS - DER ABGANG

So oder so kam es jedoch nicht mehr zu einer weiteren Aussage Pinzners. Am 29.07.86 zog Pinzner plötzlich während der Vernehmung im Hochsicherheitstrakt (!) als Reaktion auf den Satz "na, dann schiessen Sie mal los!" einen Revolver und schoss dem Staatsanwalt Wolfgang Bistry direkt in den Kopf. Der Beamte verstarb später im Krankenhaus. Zwei Polizeibeamte, die Pinzner eigentlich bewachen sollten, verliessen ziemlich zügig das Vernehmungszimmer und warfen die Tür wieder zu. Zurück blieben noch Werner Pinzner, seine Frau Jutta und eine Schreibkraft. Die Schreibkraft musste dann zusehen, wie Pinzner seiner vor ihm knienden Frau in den Kopf schoss und sich schliesslich selber tötete.
Die Waffe für die Tat hatte nach heutigem Wissen die Anwältin in die Zelle geschmuggelt, mitsamt Kassibern und Drogen. Die Kontrollen waren sehr lax, der Staatswalt Bistry hat die Anwältin selber durchgewunken. Auch nach der Tat sind einige Gegenstände, die Pinzner in der Zelle versteckt hat, erst von Mitgefangenen beim Aufräumen gefunden worden.
Es verwundert daher nicht, dass eine solche Schiesserei mitten im Hochsicherheitstrakt des Polizeipräsidiums ein politisches Erdbeben ausgelöst hat. In Hamburg war die politische Lage wegen der Hausbesetzer-Szene sowieso schon angespannt, jetzt gewann die CDU durch das Blutbad gegenüber der SPD noch mehr an Boden. Und es standen Wahlen an. Hinzu kam noch die Jahreszeit. Viele Deutsche lagen im Sommerurlaub am Strand und freuten sich zuerst, dass der Hamburger Polizei durch die Ergreifung eines Auftragsmörders ein grosser Coup gelungen ist. Dann kam das Desaster im Präsidium!
Die Bild-Zeitung titelte: "St. Pauli-Killer schoss Staatsanwalt in den Kopf". In anderen Artikeln wurde berichtet, wie Pinzner sich für Gott hielt.
Auf dem Kiez sah man die Sache anders. Man war froh, dass Pinzner nun weg war und nicht mehr auspacken konnte. Gleichzeitig glaubten viele, dass er durch diese letzte Tat seine Ganovenehre wiederhergestellt habe. Deshalb wurde Pinzner zu Ehren ein Autokorso abgehalten.
Die geliebte Tochter von Pinzner, Birgit, erhielt zwar noch eine Zeit lang eine Rente vom Kiez, geriet dann aber in grössere Schwierigkeiten. Zuerst versuchte sie, im Bereich Fotographie und Medien Fuss zu fassen, doch dann kamen die Rückschläge. Gleichzeitig waren hinter ihr viele Boulevardjournalisten her, aber auch seriösere wie Peggy Parnass von "konkret" u. a. Birgit Pinzner ging nach einiger Zeit trotz des eindringlichen Rates ihres Vaters auf den Strich und nahm dann harte Drogen. Im Jahre 2003 verstarb sie (1971 - 2003).


DIE KONSEQUENZEN

Die Bluttat Pinzners hatte auf den Prozess nur eine begrenzte Auswirkung. Wichtige Aussagen waren bereits von Pinzner gemacht und ein anderer Bordelier, Gerd Gabriel, stützte diese. Gabriel arbeitete zwar lange Zeit mit Nusser und Konsorten zusammen, erfuhr dann aber, dass das Milieu dabei war, seine Bordellbeteiligung zu verkaufen, ohne ihn zu fragen. Das galt als sicheres Zeichen dafür, dass er umgebracht werden sollte.
Es kam zu langjährigen Haftstrafen gegen die Auftraggeber und Komplizen Pinzners, insbesondere gegen , Peter Nusser, Armin Hockauf und Siggi Träger.

Weitere Morde blieben aber unaufgedeckt. Da Pinzner verschiedene Angaben zwischen 8 und 13 machte, sind noch einige ungeklärte Fälle zu vermuten. Wenn man darauf schaut, welche Akteure damals auf St. Pauli den Stecker gezogen bekamen, so muss man an eine Reihe von Verdächtigen denken:
- Michael Luchting (1982):
Luchting war der Poussierer der GMBH und hing dann plötzlich in einem Hamburger Forst an oder neben einem Hochsitz; die Mörder können aber auch aus der GMBH selbst gekommen sein; vielleicht war es auch eine Zusammenarbeit über die Bandengrenzen hinweg; es bestand auf jeden Fall der Verdacht, dass es sich hierbei um eine unfreiwillige Selbsttötung gehandelt hat, zumal die beiden Abschiedsbriefe von Luchting seltsam formuliert waren; Janny Gakomiros vom Chikago stützte diese These
- Dieter Mohr, Heinz Dieter Förster (1982):
Michael Luchting hatte zwei Statthalter in Hamburg, die seine Interessen auf dem Kiez während seiner Abwesenheit in Spanien verteidigen sollten; beide wurden erschossen; einer davon (Mohr) wurde von einem Hit-Team aus zwei Männern erschossen, die sich durch Verkleidung als Polizisten Zutritt zum Haus verschafften (Ähnlichkeiten zum Mord an Jehuda Arzi, wo die Täter als Handwerker verkleidet waren)
- Frank Schrubarz (1982):
Schrubarz, genannt Sachsen-Franky, war eine wichtige Figur innerhalb der GMBH und wurde angeblich von einer Ex-Freundin in seiner Wohung erschossen. Es ist aber nicht sicher, ob es da nicht noch weitere Tatbeteiligte gab. Machtkämpfe innerhalb der GMBH und mit anderen Gruppen waren damals zahlreich.
- Charlie Lienau (1984):
Der Kieler Bordellier Lienau wurde erschossen und in ein Ölfass einbetoniert in einem Hamburger Kanal gefunden; das Material war nicht schnell genug hart geworden, so dass das Fass oben schwamm ; interessant für die Fahnder war die Beschreibung der beiden Käufer des Fasses, ein Mann mit Bart und ein Mann mit einer Hand in Manschette (Pinzner zeigte an seinen Händen allergische Symptome);
bei diesem Hit wäre Pinzner auch schon in Freiheit gewesen - bei den anderen hätte er nur einen Freigang nutzen können!

Nach den Urteilen gegen die Auftraggeber und Komplizen Pinzners wollte der Staat auch mit dem Chikago-Clan aufräumen. Einige Vertreter konnten direkt festgenommen werden, andere entkamen nach Costa Rica und mussten auf politisch-diplomatischem Wege zurückgeholt werden.
Das juristische Vorgehen gegen das Chikago liess sich aber nicht so leicht umsetzen, denn die Beweislage war relativ dünn. Es ging vor allem um Reinhard Ringo Klemm und Kalle Schwensen. In der Kanzlei der Pinzner-Anwältin wurden einige Hinweise gefunden, die das Chikago belasteten, aber vor Gericht nicht ausreichten. Und Gerd Gabriel konnte oder wollte keine weiteren Details liefern. Günter Bonnet dagegen behauptete dagegen nicht nur eine Beteiligung des Chikago an den Pinzner-Anschlägen, sondern auch eine Beteiligung von Hamburger Kaufleuten an selbigen Aktionen. Hinter diesen Hintermännern sollen ausserdem internationale OK-Strukturen gestanden haben (i. e. Organisierte Kriminalität). Günter Bonnet fühlte sich von seinen ehemaligen Komplizen verraten und packte aus. Er galt aber als Aufschneider und deshalb nur bedingt zuverlässig.
Entscheidend war letztendlich auch, dass zwei weitere wichtige Zeugen nicht mehr aussagen konnten, nämlich Uwe "King Kong" Bolm (Leibwächter) und Bernd "Campari-Bernd" Wünsch (Kontaktmann). Beide wurden 1987 (einzeln) erschossen. Bolm wurde mit dem Auto in eine Einöde gelockt, wo ihm der Kopf weggeblasen wurde, Wünsch wurde erschossen hinter einem Komposthaufen gefunden. Die Auffindesituation deutete auf einen Leichentransport in einem Kofferraum hin.
Eine Beteiligung des Chikago lag nahe, allerdings waren beide Männer auch mit anderen Gruppen verfeindet,  z. B. ehemaligen GMBH-Mitgliedern, Rockergruppen und Geldverleihern, so dass weitere Verdächtige in Betracht kamen. Bei dem psychisch labilen Bernd Wünsch konnte sogar ein Selbstmord nicht ausgeschlossen werden.
So wurden gegen die Verdächtigen des Chikago nur geringe Haftstrafen, u. a. wegen des Besorgens von Pinzners Waffe, verhängt.

Der Fall Pinzner gibt einen umfangreichen, wenn auch nicht kompletten Einblick in die Hamburger Unterwelt im Kiezkrieg der 80er-Jahre. Einige seiner Morde bleiben ungelöst. An den vielen Morden, die sonst noch geschahen, sieht man aber, dass Pinzner nicht der einzige Killer auf dem Kiez gewesen sein kann. Man muss sich also für einen Gesamteindruck vom Milieu ein grosses Dunkelfeld vorstellen.



Sonntag, 8. Dezember 2013

HELLENISTISCHE DICHTUNG: KALLIMACHOS, APOLLONIOS UND THEOKRIT

DIE PTOLEMÄER

Durch die Eroberungen Alexanders des Grossen wurden viele Gebiete des Nahen Ostens hellenisiert. Nach seinem Tode verfiel das Reich aber in Teilreiche, die von Diadochen beherrscht wurden. Damit löste der monarchische Flächenstaat aber strukturell den griechischen Stadtstaat als Hauptfaktor der Machtpolitik ab.
Für die griechische Kultur waren damit die politischen Grundlagen für eine Expansion und Weiterentwicklung geschaffen. Zentren waren Athen, Kos und Alexandria. Aber auch andere Städte und Regionen waren bedeutsam. Die hellenistische Dichtung verfügte über viele Gattungen. Aufgezählt wären das Epos, Elegie, Lehrgedicht, Epigramm, Drama (Komödie, Tragödie), Mimos, Idyllen (epische Idyllen;  Hirtendicht, Pastorale), Hymnos.
Die hier exemplarisch gewählten hellenistischen Dichter Kallimachos, Apollonios und Theokrit beschäftigten sich mit Epen und Epigrammen. Sie hatten als Zentrum ihres Schaffens Alexandria im ptolemäischen Ägypten.
Das Ptolemäerreich war eines der Nachfolgereiche des Alexanderreiches. Bereits die ersten Herrscher gaben politisch und kulturell die Richtung der nächsten drei Jahrhunderte vor.
Die Ptolemäerdynastie wurde in Ägypten von Ptolemaios I. Soter begründet. Nach dessen Vater Lagos wurde sie auch als die Lagiden bezeichnet. Auf diesen folgte sein Sohn Ptolemaios II. Philadelphos. Auf diesen wiederum dessen Sohn Ptolemaios III. Euergetes.

Die griechischen Namen der ersten Ptolemäerherrscher waren:
Ptolemaios I. Soter                   Πτολεμαῖος Α' ὁ Σωτήρ
Ptolemaios II. Philadelphos       Πτολεμαίος B' ὁ Φιλάδελφος
Ptolemaios III. Euergetes (I.)    Πτολεμαῖος Γ' ὁ Εὐεργέτης A'

Der ägyptische Name als Eigenname war 'Ptlmis' (bei Ptolemaios III. mit Namenszusatz):
Als ägyptische Herrscher verfügten sie aber in ihrer Titulatur über mehrere Namen, den Horusnamen, den Nebtinamen (Herrinnenname [Dualendung]), den Goldnamen, den Thronnamen und den Eigennamen.


KALLIMACHOS VON KYRENE

* 320/303
+ nach 245 Alexandria

Kallimachos war ein hellenistischer Dichter, Gelehrter und Bibliothekar. Gleichzeitig gilt er als früher Philologe.
Kallimachos hat die mythischen Ursprünge von Namen und Begriffen erforscht (Ätiologie).

Kallimachos stammt aus Kyrene im heutigen Libyen (NW der Nilregion), die wahrscheinlich begütert war und sich vom Stadtgründer Battos I. herleitete. Kallimachos erhielt eine umfassende Erziehung und hatte schon früh Kontakte zum Hof der Ptoelmäer in Alexandria, blieb aber an griechischen Traditionen orientiert.
Möglicherweise war er auch Lehrer in Eleusis, einem Vorort von Alexandria (Quelle: Suda).
Die Quellen über sein Leben sind nicht umfangreich. Neben seinen eigenen Werken verfügt man über einen Artikel über ihn in der Suda, einem byzantinischen Lexikon, und den byzantinischen Historiker Johannes Tzetzes.
Kallimachos hatte am Hof Kontakt zu Ptolemaios II. (Beiname: Philadelphos) und seiner zweiten Frau Arsinoe II. und arbeitete in der alexandrinischen Bibliothek. Bei Johannes Tzetzes wird er sogar als dritter Leiter der alexandrinischen Bibliothek genannt (Quelle: Scholium [Anmerkung] zu Plautus), was aber in der Suda nicht erwähnt wird und auch nicht in der Liste der Bibliotheksleiter in den Oxyrhynchi-Papyri vorkommt.
(Die Oxyrhynchi-Papyri sind eine riesiger Sammlung antiker Papyri, die ab 1896 in der scheinbar wenig bedeutenden Stadt Oxyrhynchos (Per-Medjed) gefunden wurden und bis heute ausgewertet werden. Der Name der Stadt stammt von einem Spitznasenfisch und die Fundorte - zuerst als Müllhaufen betrachtet - konservierten die Texte auf herausragende Art.)
Einige späte Gedichte des Kallimachos deuten an, dass er sich im Alter vielleicht wieder in Kyrene aufhielt.

Kallimachos soll laut der Suda ca. 800 Bücher (Schriftrollen) verfasst haben. Die meisten davon sind verloren oder nur noch fragmentarisch erhalten.
Komplett erhalten sind nur 6 Hymnen und gut 60 Epigramme.

Die Hymnen richten sich an olympische Götter und an Ortschaften. Kallimachos adressiert Zeus, Apollon, Artemis, Athene, Demeter, aber auch Delos. Die Hymnen an Zeus und Apollon dienten auch dem Lob Ptolemaios II. Kallimachos legt in seinen Werken Kulthandlungen dar.

Aus den Fragmenten einigermassen rekonstruieren kann man das Epyllion (kleines Epos) Hekale und die Aitia (Ursprungsgedichte). Hekale erzählt von den Abenteuern des Theseus, seiner Einkehr bei der alten Hekale und dem Gespräch mit einer Krähe nach ihrem Tod.
Die Aitia sind ein vierbändiges Werk in Gedichtform über die Entstehung verschiedener kultischer Bräuche.


APOLLONIOS VON RHODOS

* 295
+ 215

Apollonios von Rhodos war ein griechischer Dichter und Gelehrter.
Apollonios wurde wahrscheinlich in Alexandria geboren und war ein Schüler des Kallimachos.

Zwischen 270 und 245 v. Chr. leitete er als Nachfolger von Zenodotos von Ephesos die Bibliothek von Alexandria. (Möglicherweise hatte auch Kallimachos vorher diesen Posten inne.)

Sein Hauptwerk sind die 4 Bücher der Argonautika, in der die Argonautensage modern umgesetzt werden.
Darin fährt eine Mannschaft griechischer Helden unter Jason mit dem Schiff Argo nach Kolchis (in Richtung Kaukasus), um nach dem Goldenen Vliess zu suchen. Die Sage wird in der Illias und der Odyssee erwähnt und war wahrscheinlich schon lange vorher bekannt. Apollonias setzt die Argonautensage in seinem Epos in knapp 6000 Versen aber anders um. Er stellt die Gottheiten z. B. als Verkörperung psychologischer Triebkräfte dar und macht sie damit "irdischer".
In der Sage wollen einige Forscher auch Hinweise auf Atlantis (vgl. auch Platons Dialoge Timaios und Kritias) gefunden haben.


THEOKRIT

* ca. 270

Theokrit war ein griechischer Dichter und sowohl Schöpfer als auch Hauptvertreter der griechischen Bukolik (Dichtung der Rinderhirten, Hirtendichtung). Er beeinflusste damit u. a. Vergil.

Unter Theokrits Namen sind diverse Epigramme und 32 Idylle (Eidyllia) überliefert. Sie haben oft eine dramatische Form greifen verschiedene Themenbereiche auf. Einige ahmen den Wechselgesang der sizilischen Hirten nach, andere stellen Szenen des Alltagslebens dar, andere sind lyrisch und wieder andere beschäftigen sich mit mythologischen Themen.
Einige seiner Werke sind vom Mimus (Possenspiel aus dem Alltagsleben) orientiert (Sophron von Syrakus).

Theokrit imitiert gerne klassische Gattungen (Genres), obwohl diese noch in der Umwelt der Polis, des griechischen Stadtstaates, entstanden. In der hellenistischen Zeit waren trotz der weiteren kulturellen Bedeutung einiger Städte die Flächenstaaten vorherrschend. Theokrit schafft auch ironische Distanz, indem er den gebildeten Bürger oder Poeten sich als "poeta doctus" über den ungebildeten Landmann amüsieren lässt.
Theokrit kann sich auch in Form und Sprache gut dem verwendeten Thema anpassen: Heroisch-epische Gedichte verwenden eine epische Sprache, die mimetischen Gedichte eine dorische Kunstsprache.
Der im Hellenismus bevorzugte Hexameter beherrscht die Idyllen 1 - 27.

Das Werk Theokrits galt schon in der Antike als Musterbeispiel seiner Genres. Das gilt für Vergil und seine Eklogen genauso wie für Calpurnius Siculus und die Neoteriker.

Wichtig für die im Corpus Theocriteum überlieferten Idyllen ist auch die Echtheitsdiskussion. Einige Forscher halten sogar ein Drittel der Schriften für unecht.

 1                 Thyrsis/Ode
 2                 Die Hexen (Pharmakeutriai)
 3                 Amaryllis (Komos)
 4                 Die Hirten (Nomeis)
 5                 Geisshirt und Schafhirt (Aipolikon kai Poimenikon)
 6                 Die Rinderhirten (Bukoliastai)
 7                 Das Erntefest (Thalysia)
 8                 Daphnis und Menalkas und Aipolos (unecht?)
 9                 Daphnis und Menalkas (unecht?)
10                Die Schnitter (Theristai)/Die (Feld-)Arbeiter (Ergatinai, Milon und Bukaios)
11                Der Kyklop (Kyklops)
12                Der Liebling (Aites)
13                Hylas
14                Verlangen nach Kyniska (Kyniskas Eros)/Aischines und Thyonichos
15                Die Syrakuserinnen/Die Adoniazusen
16                Die Chariten (Charites)/Hieron
17                Lobgedicht auf Ptolemaios
18                Brautlied der Helena (Helenas Epithalamios)
19                Der Honigdieb (Keriokleptes)
20                Der Rinderhirt (Bukoliskos)
21                Die Fischer (Halieis)
22                Die Dioskuren
23                Die Verliebte (Erastes)/Der verzweifelt Liebende (Dyseros)
24                Der kleine Herakles (Herakliskos)
25                Herakles der Löwentöter (Herakles Leontophonos)
26                Lenai/Die Bacchantinnen (Bakchai)
27                Liebesgeflüster (Oaristys)
28                Die Spinnrocken (Elakate)
29                Liebeslied an einen Knaben (Paidika)
30                Auf den toten Adonis (Eis Nekron Adonin)



SCHELLING, FRIEDRICH WILHELM JOSEPH VON

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Schelling 1835 und 1848

* 27.01.1775 in Leonberg
+ 20.08.1854 in Bad Ragaz (Schweiz)

Schelling ist ein deutscher Philosoph. Er stammte aus einer württembergischen pietistischen Pfarrerfamilie und trat 1790 in das Tübinger Stift ein. Schelling pflegte eine Freundschaft mit Hegel und Hölderlin. Schelling wurde von Denkern der späten Aufklärung wie Kant und Fichte geprägt. Seine Begeisterung für die klassische griechische Philosophie kam durch Schiller und Winckelmann. Im Jahre 1798 wurde Schelling Professor in Jena, wahrscheinlich mit Unterstützung von Goethe, Schiller und Fichte. 1803 übernahm er eine Professur in Würzburg. Schelling schloss sich während seiner Professorenkarriere dem romantischen Freundeskreis um Karoline Schlegel an, die er 1803 heiratete.
1806 wurde Schelling Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Direktor der Akademie der bildenden Künste in München, was er bis 1823 blieb.
Schelling unterhielt enge Beziehungen zum theosophisch-mystischen Kreis um Franz von Baader. 1820 - 26 hielt er Vorlesungen in Erlangen. 1827 übernahm er eine Professur in München und 1841 eine in Berlin. 1846 stellte er seine Lehrtätigkeit wegen Erfolglosigkeit ein.

Schelling betrieb seine Philosophie als praktische Philosophie, die an den Leitbegriffen "Freiheit" und "Geschichte" orientiert ist. Durch diese Einbettung theoretischer Reflexion in ein praktisches Interesse radikalisierte Schelling Kants Denkansatz, nachdem sich in Welt und Natur nur das wirklich legitimiert, was durch das freie Handeln der Subjektivität konstituiert ist und damit Resultat menschlicher Praxis ist.

Schelling ging von Fichtes Transzendentalphilosophie aus . Er bestimmte schon früh das Absolute als "absolutes Ich", das nur in einem Akt "intellektueller Anschauung" zugänglich sei. Dieses sei nur in Bildern und Symbolen, ähnlich der mystischen Erfahrungen, vermittelbar, nicht aber in diskursiver Rede. Schelling beschäftigte sich deshalb mit Naturphilosophie und orientierte sich dabei an Naturmystik (z. B. J. Böhme), an neuplatonischer Spekulation und an der damals durchstartenden Naturwissenschaft.
Der Urzustand eines "mythischen Bewusstseins" wird ähnlich dem Sündenfall in der Bibel durch "Entzweiung" mit der Natur aufgehoben. Die Philosophie soll den Menschen dann wieder in den ursprünglichen Zustand der Einheit mit der Natur zurückführen. Die Welt wird zur Naturgeschichte und Geschichte des Geistes.

In seiner Spätphilosophie intensivierte Schelling sein Studium der Grundlehren des Christentums. Für ihn ist "positive Philosophie" nur unter der Voraussetzung einer "negativen Philosophie" möglich. Deshalb kann das Ich sich nicht selbst in seiner Gewissheit begründen, sondern muss die absolute Transzendenz Gottes voraussetzen. Diese Selbstbegrenzung der Vernunft wird von einigen als Vollendung der Philosophie des deutschen Idealismus betrachtet. Die Vernunft selbst setzt demnach dem individuellen vernünftigen Begreifen Grenzen. Andere Positionen bestreiten, dass das Ich nur in Gegenposition zu Gott konstituiert ist.
Schelling beeinflusste die Philosophie seines Jahrhunderts und darüber hinaus, u. a. Schopenhauer, Nietzsche, Freud, Scheler, in anthropologischen und psychiologischen Fragen. Darüber hinaus beeinflusste er auch Existenzphilosophen wie Kierkegaard und Heidegger sowie Lebensphilosophen wie Bergson, die das Leben ganzheitlich einschliesslich seiner nicht-rationalen, kreativen und dynamischen Elemente betrachteten.

Werke:
Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797)
Von der Weltseele (1798)
Erster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie (1798/99)
System des transzen des transzendentalen Idealismus (1800)
Vorlesungen zur Philosophie der Mythologie und der Offenbarung (1808)
Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit (1809)
Die Weltalter (1813)

Quellen und Literatur:
Wikipedia
Meyers Grosses Taschenlexikon
-
Frank, M.: Eine Einführung in Schellings Philosophie; Frankfurt/M. 1985
Rosenau, H.: Die Differenz im christologischen Denken Schellings; Frankfurt/M. 1985
Oesterreich, P. L.: Philosophie, Mythos und Lebenswelt. Schellings universalhistorischer Weltalter-Idealismus und die Idee eines neuen Mythos; Frankfurt/M. 1985
Schneider, Wolfgang: Ästhetische Ontologie. Schlegels Weg zur Identitätsphilosophie; Bern u. FFM, 1983
Kirchhoff, J.: Friedrich Wilhelm von Schelling.; Reinbek/Hamburg 1982
Hasler, Ludwig (Hg.): Schelling. Seine Bedeutung für eine Philosophie der Natur und der Geschichte. Referate und Kolloquien der Internationalen Schelling Tagung; Stuttgart 1981


Freitag, 29. November 2013

EWIGES LEBEN



Das ewige Leben gilt als Begriff aus der Philosophie, Metaphysik und Religion. Es wird als Desiderat beschrieben, dass entweder erreichbar ist oder nicht. Bei seiner Definition können wir uns frei bei Wikipedia bedienen: Dort (variabel) wird das ewige Leben beschrieben als Seins-Zustand, in dem ein Lebewesen nie stirbt oder durch den das Leben mit dem biologischen Tod nicht endet. Das ewige Leben kann ein unzeitiger oder ein zeitiger (zeitverschobener) Zustand sein. Im ersteren Fall lebte der Mensch in zeitiger und unzeitiger Wirklichkeit zugleich.

Das ewige Leben scheint ein seit langem existierender Menschheitstraum zu sein. Dementsprechend kommt er in fast allen Religionen vor. Man denke z. B. an den Totenkult der antiken Ägypter. Viele Religionen glaubten, dass der Mensch in anderer Gestalt oder nichtmateriell weiterexistiere. Oft ist dieser Gedanke verbunden mit der Vorstellung einer Selektion, die je nach moralischem Verhalten des Menschen in der Welt entscheidet, ob, wo und wie der Mensch nach dem irdischen Tode weiterlebt.
Bei den Alten Ägyptern wurde das Herz (ib) gewogen, das als körperlicher Kern des menschlichen Empfindens galt. Bei den Griechen gab es Unterweltvorstellungen, die davon ausgingen, dass man über den Fluss Styx in die Unterwelt gelange, in der Hades und Persephone herrschten. Die Unterwelt, ihrerseits Hades genannt, wird vom dreiköpfigen Höllenhund Kerberos bewacht. Die Römer haben dann viele griechische Vorstellungen übernommen oder ihren eigenen angepasst.
Eine heute sehr weit verbreitete Religion, das vom Judentum abstammende Christentum, behauptet, dass es "bald" ein Jüngstes Gericht gebe, dass die ganze bestehende irdische Weltordnung hinwegfegen und ein Reich Gottes einsetzen würde. Damit verbunden wird auch die Rückkehr Jesus als Gottes Sohn.
Nun erscheint aber dieser Gedanke vielen doch lächerlich, weil inzwischen schon über 2000 Jahre vergangen sind und die Verkündungen nicht eingetreten sind.

Lange Zeit hat man sich nicht mit der Frage beschäftigt, ob das ewige Leben auf realistische Weise ("aus irdischer Perspektive") erreichbar ist. Das ist wahrscheinlich ein Fehler.
Durch das Zurückdrängen der Relgionen in einigen Teilen der Erde seit der Aufklärungszeit wird der Glaube an ein ewiges Leben von vielen Menschen als Spinnerei abgetan. Besonders mit Blick auf die Erkenntnisse der Naturwissenschaft und das Denken an den Zerfallsprozess des biologischen Körpers hält man ein ewiges Leben für unmöglich. Dabei könnte es gerade die Naturwissenschaft sein, die ein ewiges Leben, das aus sich alleine heraus (also aus einer unmanipulierten Natur) nicht möglich ist, irgendwann möglich macht.

Dabei sind verschiedene Möglichkeiten denkbar.
Einmal kann man den Alterungsprozess des Körpers bekämpfen. Das wird auf sehr einfache Weise bereits heute gemacht. Man kann sich gesund ernähren, auf Oxidantien möglichst verzichten, Antifaltencreme benutzen, sich die Zähne versiegeln oder sich den Arsch liften lassen.

Andererseits kann man aber umgekehrt vorgehen. Man kann den Körper bewusst verfallen lassen und stattdessen den Geist retten, bzw. seine Grundlage, das Nervensystem. Bislang ist das technisch aber noch nicht möglich. Wenn es aber gelänge, könnte man den geretteten Geist dann wieder in einen neu geschaffenen Organismus einsetzen, der biologisch, mechanisch (nicht-biologisch) oder beides sein kann.
Wenn man dazu noch neue Planeten oder Monde bewohnbar macht und/oder beim Bau neuer Körper für Menschen raumsparend vorgeht, hätte man auch nicht oder für lange Zeit nicht das Problem einer Überbevölkerung. Die Fortpflanzung müsste vielleicht reduziert, nicht aber eingestellt werden.

Einer der Denker, die für solche Überlegungen und passende Experimente berühmt sind, ist Hans Moravec. Man spricht bei seinen Denkansätzen auch von "Posthumanismus".
Einige dieser Posthumanisten gehen sogar davon aus, dass das ewige Leben schon ab ca. 2050 zur Verfügung stehen könnte.
Warten wir also ab, was die Gemeinde der offiziellen und privaten Forscher hervorbringt.

Interessant ist es aber schon, wie wenige Menschen sich mit solchen wesentlichen und richtungsweisenden Themen beschäftigen. Es ist wohl ein allgemeines Problem, dass sich Menschen zu sehr mit den Trivialitäten des Alltags beschäftigen. Viele Menschen kümmern sich lieber um eine saubere Hauseinfahrt, die Farbe ihres Autos oder den Busfahrplan.
Nicht, dass man den alltäglichen Pflichten nicht nachkommen sollte. Aber es fehlt das Bewusstsein der zeitlichen Abläufe, dass wir auf einem Planeten leben, der seit rund 5 Mrd. Jahren existiert, dass es erst seit wenigen Millionen Jahren Frühformen des Menschen gibt und der Homo sapiens wohl seit < 200.000 Jahren existiert. Eine ausgebildete Sprachfähigkeit ("conditio humana") wird seit ca. 30.000 Jahren angenommen. Die Schrift beherrscht der Mensch in einigen Frühen Hochkulturen seit gut 5000 Jahren (vor 3000 v. Chr.). Danach schritt wenigstens die technische Entwicklung mit einigen Rückschlägen immer weiter vor. Ein Voranschreiten der sozialen Entwicklung ist umstritten.
Ein explosive technische Entwicklung haben wir seit der Industriellen Revolution, die im ausgehenden 18. Jhd. begann.
Angesichts dieser mächtigen Entwicklungen ist die Frage umso spannender, wie die Zukunft wird und wie lange diese sein wird! Wird der Mensch zu seiner eigenen Schöpfung? Und wird er den Tod überwinden?


QUELLEN UND LITERATUR:

Benecke, Mark: Memento Mori. Der Traum vom ewigen Leben; Remda-Teichel 2012
Küng, Hans: Ewiges Leben? München 2002
Moravec, Hans -> diverse Bücher über Robotik und Posthumanismus