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Freitag, 25. März 2016

COTTON CLUB MORD(E)

DER FALL IN SEINER AUSGANGSLAGE

Im Jahre 1983 wurde am 10. Juni in der kalifornischen Wüsteneinöde der Filmproduzent Roy Radin tot aufgefunden. Die Reste des schwergewichtigen Mannes waren bereits von wilden Tieren angefressen und der Kopf war durch mehrere Schüsse und vielleicht durch Sprengstoff völlig verstümmelt.
Die Polizei konnte zwar den zerfetzten Leichnahm, der dort schon einige Wochen gelegen haben muss, recht bald identifizieren, aber für lange Zeit keinen oder keine Täter ermitteln.
In die Ermittlungen zum Fall kam erst nach mehreren Jahren Bewegung. Es deutete sich an, dass der Tod von Roy Radin das Ergebnis schwerer Machtkämpfe im Filmestablishment Hollywoods waren, zusätzlich angeheizt durch umfassenden Konsum und Handel mit illegalen Substanzen, insbesondere Kokain.


ROBERT "BOB" EVANS

Robert Evans, Paramount-Werbefilm (aus "The Kid Stays in the Picture")
 


Ein wichtiger Ausgangspunkt ist die Karriere von Robert "Bob" Evans (geb. 1930 als Robert J. Shapera), der aus reichen Verhältnissen stammte und in Hollywood zunächst als Schauspieler und dann als Produzent bei Paramount arbeitete.
Evans Vater war ein jüdischer Zahnarzt, der mit seinem Job zwar gut die Familie ernähren konnte und sich auch sozial sehr engagierte (er kümmerte sich auch um Arme und Schwarze), aber gleichzeitig frustriert war, dass er sich nicht kreativ ausleben konnte.
Dies übertrug er dann auf seinen Sohn Robert, der sich dafür sehr früh auslebte und in der Zeit der großen Radioshows ("Radio Days") in den 40er-Jahren schnell zu Geld und Ruhm gelangte. Evans ließ sich früh in Limousinen herumkutschieren und hielt es nicht für nötig, die Schule zu beenden.
Dieses Leben wurde kurz vor seinem 18. Geburtstag durch eine Tuberkulose-Erkrankung unterbrochen, für die er sich zur Kur nach Miami und dann nach Havanna begab. Dort arbeitete er als DJ in diversen Casinohotels. Man muss wissen, dass Kuba in der vorrevolutionären Zeit unter Batista noch nicht das spätere "rote Paradies" war, sondern eher ein Tummelplatz für reiche Amerikaner, von denen nicht wenige einen halbseidenen Hintergrund hatten. Dies traf aber eher für das Leben in Havanna zu. Auf dem Land waren die sozialen Verhältnisse angespannter.
Trotzdem war der später so verhasste Diktator Batista am Anfang durchaus beliebt und brachte der Insel einen gewissen Aufschwung.

Für den sich offenbar gut erholenden Evans war aber entscheidend, dass er Kontakte zu einer halbseidenen Welt bekam, die ihn im Guten und im Schlechten später nicht mehr losließ. Fortan bewegte sich Evans braungebrannt und gut gekleidet durch die Welt.
Nach New York zurückgekehrt, gründete er erst einmal mit seinem Bruder Charles und einem Freund ein Modeunternehmen (Evans hatte auch eine Schwester namens Alice). Doch die Welt des Show-Business ließ ihn nicht mehr los. Angeblich soll er auf einer Geschäftsreise am Pool des Beverly Hills Hotels von Norma Shearer entdeckt worden sein.
So kam er in die Spur einer Schauspiel-Karriere, wurde aber auch von vielen angefeindet. Er galt als unreif, egoman und ungebildet. Außerdem galt seine Aussprache als zu schlecht für einen Schauspieler, obwohl er schon vorher Radioerfahrung gesammelt hatte.
Evans verdankte es dann Darryl Zanuck dass er in der Hemingway-Verfilmung "The Sun Also Rises" (Buch: Fiesta) von 1957 den Torero und Liebhaber von Ava Gardner spielen durfte. Andere wollten ihn seit Beginn seiner Schauspielkarriere abschießen. So lästerten sie auch jetzt wieder über ihn. Darryl Zanuck soll als Antwort darauf gesagt haben: "The Kid stays in the picture!" Dieser Satz wurde bald berühmt und später der Titel von Evans Autobiographie.
Evans merkte aber selber, dass er auf dem heißen Stuhl saß und ließ sich, anstatt die Karriere aufzugeben, nach oben wegloben. Er sichtete die Literatur, kaufte potenzielle Drehbücher auf und begann, damit zu handeln.
Angeblich half auch die Niederlage bei einer Rollenbesetzung gegen Warren Beatty bei diesem Sinneswandel.
Aber auch als Produzent war Evans zu Anfang nicht sehr beliebt. Er machte sich aber dank seiner Risikobereitschaft bald einen Namen. Bei Paramount konnte er eine Reihe von Erfolgen landen. Von den späten 60er-Jahren bis Mitte der 70er-Jahre war er bei Paramount sogar Chef!
In diese Zeit fielen berühmte Filme wie "Der Pate", "Love Story" und "Chinatown" (1974). Evans erhielt viel Anerkennung und knüpfte Kontakte bis in die hohe Politik. Henry Kissinger, ein großer Fan von Der Pate, ließ sich gerne mit Evans ablichten. Aber auch das andere politische Lager, vertreten durch den Demokraten Ted Kennedy, war auf Evans' Partys zugegen.

Doch Mitte der 70er Jahre räumte Evans den Chefsessel der Paramount wieder. Dafür gab es mehrere Gründe.
Evans, der früher selber als Schauspieler nicht so reüssieren konnte, wollte etwas Eigenständiges produzieren. Das deutete sich schon mit Chinatown 1974 an, den er aber noch mit der Paramount produzierte. Der Film half Evans bei seiner Unabhängigkeit, Polanski bei der Rückkehr auf den Regie-Olymp und Nicholson bei der Festigung seiner Karriere. Das Drehbuch war von Robert Towne.
In der Folge schied Evans also vom Paramount-Chefposten, ließ aber die Kontakte nie ganz abreißen. Er wollte jetzt seinen eigenen großen Coup landen, um sich wieder mal der Welt zu beweisen.
Einige böse Stimmen sagten auch dass sein überhöhter Kokainkonsum für diese und kommende Entwicklungen verantwortlich sei. Kokain bewirkt einerseits einen Euphorieschub, kann aber andererseits auch zu Nervosität, Selbstüberschätzung, Paranoia und Erschöpfung führen.
Hier sieht man aber auch äußere Gründe für Evans Abkehr von der Paramount-Spitze: Evans Grundpersönlichkeit, verstärkt durch die Zufuhr diverser Substanzen, machte ihn zu einer Spielernatur, die durchaus einige Erfolge einbringen konnte, aber auch ein großes Risiko für die Geldgeber darstellte. Das zeigte sich auch im Folgenden, als Evans in der beginnenden Selbstständigkeit zu straucheln begann. 

Evans' Stern war in den späten 70er-Jahren klar im Sinken. Seine Filme hatten jetzt deutlich weniger Zuschauer und er hatte folglich immer mehr Probleme, Geld für weitere Filmprojekte aufzutreiben.
Doch der Tausendsassa Evans wäre nicht Evans, wenn er nicht auf eine Revanche gesinnt hätte. Er glaubte an sich und seine nächsten Projekte. Er wollte wieder Filme über das Mafiamilieu machen (wie einst mit "Der Pate") und hatte Kontakte zu erfolgreichen Drehbuchschreibern. Einer der wichtigsten davon war Robert Towne (*1934), ein Kind russischer Einwanderer, der schon vielen Filmen zuvor zum Erfolg geholfen hat. Eigentlich war Towne eher ein DrehbuchUMschreiber. Er nahm sich Drehbücher mit einer vielversprechenden, aber schlecht umgesetzten Grundidee vor und machte sie dann zu guten Drehbüchern.
Allen voran sollte "The Cotton Club" in den 80ern die Wende bringen.  Des weiteren plante er eine Fortsetzung von Chinatown, "The Two Jakes".
[Anm.: Es kam dann ein bisschen anders als gedacht...
The Cotton Club kam zwar 1984 in die Kinos, aber Francis Ford Coppola hatte sich gegenüber Robert Evans vor- und Robert Towne weggedrängt. An den Kassen war der Film nicht der erhoffte Erfolg.
The Two Jakes kam erst 1990 in die Kinos und Robert Evans war neben Harold Schneider und Jack Nicholson nur einer von drei Machern. Das Drehbuch war zwar wie bei Chinatown 1974 von Robert Towne, der Film konnte aber an den Erfolg des Vorgängers nicht mehr anknüpfen.]
Der Nachteil solcher eigenwillig durchgeführter Operationen wie der von Evans ist aber, dass man geneigt ist, auf Gelder zurückzugreifen, die aus dubiosen Quellen stammen. Man kennt das von frühen (oft noch illegalen) Pornofilmen wie "Deep Throat" (angebl. Mafiagelder) und von umstrittenen Autoprojekten wie dem DeLorean DMC-12 (angebl. Kokaingelder).

Vorher sei aber noch erwähnt, dass Evans nicht nur durch seine Filmprojekte und sein extravagantes Auftreten berühmt wurde, sondern auch durch seine vielen Frauen. Auch hier konkurrierte er mit Warren Beatty. Zu seinen Partnerinnen gehörten Schauspielerinnen wie Ali MacGraw und Kate Jackson (später berühmt durch "Charlie's Angels" u. a.). Mit Ali Mac Graw ("Love Story") war er von 1969 - 73 verheiratet.
Evans war insgesamt recht häufig verheiratet und liiert, aber keine Ehe erreichte die 4-Jahres-Grenze. 


DER COTTON CLUB 

Sein Gegen- und Befreiungsschlag sollte "The Cotton Club" werden, ein Film über eine gleichnamige Kneipe der Zwischenkriegszeit, in der trotz Prohibition (Alkoholverbot) Alkoholika ausgeschenkt wurden. Damals nannte man solche Lokalitäten "Speakeasy". Im Cotton Club wurde ordentlich gefeiert, es kam aber auch zu vielen, oft mafiösen, Machtkämpfen.
Leider entwickelten sich auch um den Film "The Cotton Club" ähnlich Kämpfe.
Einer der Protagonisten dieses Filmes sollte Richard Gere werden. Der spätere buddhistische Meditator gerierte sich im Vorfeld des Filmes mit diversen Unwegbarkeiten äußerst nervös.

Für diesen Film musste sich Evans nun nach Geldgebern umsehen, weil er sich der Unterstützung durch Paramount nicht mehr sicher sein konnte. Genaugenommen beruhte das auf Gegenseitigkeit: Paramount hatte ein gutes Stück seines einstigen Vertrauens in Evans eingebüßt - wohl auch aufgrund dessen starken Kokainkonsums - und Evans wollte das Ding alleine durchziehen und es allen zeigen.
Die Suche nach Geldgebern erwies sich nun schwieriger als gedacht. Selbst der "Universal-Händler" Adnan Kashoggi, auf lange Sicht v. a. durch den Waffenhandel bekannt, war zunächst in den Deal involviert. Evans lehnte aber dessen Hilfe ab, als Kashoggi zu sehr in den Film hineinreden wollte.
Weitere potentielle Geldgeber waren die Doumani-Brüder, aber auch die wollten sich einmischen, weil ihnen das Drehbuch nicht gefiel, was wiederum Evans missfiel.
Einer der Unterstützer, die dann doch aufgetrieben konnten, war Roy Radin. Es schien auch so, als wollte er bleiben, denn Radin war ein Selfmademan, der gerade vom Tingeltangel in das ganz große Filmgeschäft einsteigen wollte.


LANIE JACOBS/GREENBERGER

Lanie Greenberger mit Anwalt Ed Shohat


Die Verbindung von Evans zu Radin war von einer Frau geknüpft worden, die mindestens so zwielichtig war wie Evans und Radin selber. Es handelte sich bei ihr um Karen DeLayne "Lanie" Jacobs, die nach einer späteren Heirat Greenberger hieß. Sie hatte von Geburt an viele Vornamen und durch diverse Heiraten mit der Zeit auch viele Nachnamen. Evans hatte sie wohl erst 1982 richtig kennengelernt, möglicherweise aber schon Ende der 60er-Jahre flüchtig bei den Beach Boys gesehen. Damals war Dennis Wilson, der Drummer der Band, dafür bekannt, wilde Parties zu geben. Bei diesen exzessiven Festivitäten soll auch die berüchtigte Manson Family zugegen gewesen sein. Es ist aber nicht bekannt, ob sich die Akteure der unterschiedlichen Netzwerke und Kriminalfälle kannten.

Die Frau mit den vielen Namen hat einiges an Vorgeschichte aufzubieten.
Ihr Vater war Autohändler, wahrscheinlich mit jüdischen Vorfahren. An sich hatte die Familie durch seine erfolgreichen Geschäfte eine gute Grundsteinlegung, aber leider verstarb Herr Greenberger sehr früh.
Die Mutter führte einige früh belastete Beziehungen. Nach Greenbergers Tod heiratete sie erneut, war aber auch in ihren neuen Beziehungen nicht glücklich. U. a. war sie mit einem Latino zusammen, was sie dazu brachte, vergeblich ihrer Tochter Lanie einzuimpfen, mit solchen Männern keine Beziehungen einzugehen.
Mit der Zeit trieb sich die junge Lanie gerne in Kneipen herum, wo sie rauchte und trank. Später kamen einige andere Laster hinzu. Nach der Schule ging Jacobs kurz an ein College, wurde dort aber nicht glücklich.
Lanie Jacobs verdiente ihr Geld als Sekretärin, im Umfeld der Showbranche und wahrscheinlich in Massagesalons. Mit anderen Worten: sie arbeitete an der Grenze zur Prostitution. Jacobs veränderte auch ihr Aussehen in Richtung modische Kleidung und ihre Haarfarbe in Richtung blond.
Gerüchteweise soll sie sich schon damals eines zu dominanten Zuhälters mit der Hilfe anderer entledigt haben.
Durch ihre Arbeit als Sekretärin verdiente Jacobs nicht viel, das sollte sich aber bald ändern. Einige Anwälte, für die sie als Vorzimmerdame arbeitete, hatten Kontakte zur Unterwelt. Und nicht nur irgendwelche, sondern zum damals zum großen Sprung ansetzenden Kokainkönig Carlos Lehder.
Lanie Jacobs wurde von ihren Anwälten mit lateinamerikanischem Hintergrund zu diversen "Geschäftsreisen" nach Süden mitgenommen, wo sie mit dem umstrittenen Business Fühlung aufnehmen konnte. Auch ihre frühen Kontakte ins Showbusiness waren ihr hilfreich. Nachdem sie so ihre Kontakte ins Milieu vertiefen konnte, begann sie mit ihrer Arbeit als Drogendealerin.

Für eine Frau, die bis dahin schon mit ihrem relativ geringen Anwaltsgehalt zufrieden war, bot sich hier eine enorme Einkommenssteigerung an. So musste man sie nicht lange überreden. Jacobs begann ein Leben als Schmugglerin und erlangte somit auch Zugang zu gesellschaftlichen Jet-Set-Kreisen.
Jacobs festigte als Vertreterin des berüchtigten Deutsch-Kolumbianers Carlos Lehder zuerst ihre Position in Florida und orientierte sich dann mehr und mehr in Richtung Kalifornien, wo durch die Industrie und die Filmbranche die Nachfrage besonders hoch war.
Hier ergaben sich mit der Zeit auch Kontakte zu Bob Evans (um 1982), für den sie bei der Finanzierung seines neuen Filmprojektes behilflich sein sollte.  



Exkurs zum damaligen Drogenmarkt

Man muss wissen, dass damals die Sitten in puncto Drogenkonsum in erheblichen Teilen der Gesellschaft noch ziemlich locker waren und man ihn insbesondere in Schickimicki-Kreisen wie Medien oder Sport, aber auch in der Gegenkultur nicht als großes Problem ansah.
Und der Staat begann unter Richard Nixon erst, nach der Verkündung des "War on Drugs" einen professionellen Verfolgungsapparat aufzubauen. Es wurden schärfere Gesetze erlassen und es kam zur Gründung der DEA. Es ging auch darum, den illegalen Markt dadurch auszutrocknen, indem man den Händlern durch massive Beschlagnahmungen die finanzielle Basis entzog. Bis diese Maßnahmen aber wirkten, dauerte es noch eine Weile, es deutete sich aber an, dass man staatliche Stellen bald nicht mehr so leicht austricksen würde können.
Auch änderte sich die Drogenkultur: Nachdem man in der Hippiezeit in den 60er-Jahren noch vorwiegend Cannabis oder LSD konsumiert hatte, um sein Bewusstsein zu erweitern, versuchte man es Ende der 60er-Jahre bald mit synthetischen Drogen wie Amphetamin und MD(M)A ("Ecstasy") und freundete sich dann in den 70ern mit Kokain oder sogar Heroin an. Diese Naturprodukte bzw. halbsynthetischen Produkte konnten nicht im Land hergestellt werden, sondern mussten über lange Importwege eingeführt werden. Die Koka-Pflanze für das Kokain wuchs fast nur an den Hängen der Anden, die Opium-Pflanze stammte aus Indien, verbreitete sich dann nach China und Südostasien und kehrte später durch diverse Afghanistankriege wieder nach Südasien zurück. In den 70ern war das "Goldene Dreieck" in Südostasien das Zentrum des Anbaus.
Es gab also kurz gesagt "neue Präferenzen des Drogenkonsums" und damit neue Strukturen der organisierten Kriminalität. Die Dinge wurden professioneller, aber auch viel gefährlicher. Die Drogenkartelle bauten Vertriebsnetze auf, bei denen neben dem Landweg über Mexiko auch der Seeweg über die Karibik oder das Flugzeug genutzt wurden.


ROY RADIN

Roy Radin (* 1949) war auch jemand, der sich aus schwierigen Verhältnissen hochgearbeitet hatte. Nur ging er dabei etwas anders vor.
Radin hatte sich schon früh für die Unterhaltungsindustrie entschieden. Schon sein Vater Al Radin war in der Zwischenkriegszeit als Broadway-Promoter aktiv. Außerdem soll er eine Speakeasy gehabt haben, also eine Kneipe mit damals illegalem Alkoholausschank. Durch die angegriffene Gesundheit des Vaters war Radin aber früh auf sich allein gestellt.
Roy Radin verließ vorzeitig die Schule und wurde mit 16 beim Zirkus als Promoter aktiv. Doch schon bald nahm er andere Künstler unter Vertrag.
Dabei setzte er auf Schauspieler, die den Zenith ihrer künstlerischen Schaffenskraft schon überschritten hatten, aber beim Publikum immer noch begehrt waren. Früher nannte man das in Deutschland salopp "Tingeltangel". Durch ein gutes Händchen bei der Auswahl von Personal und Programm, aber auch durch unternehmerische Härte und Organisationsvermögen gelangte er schon früh zu Reichtum und Einfluss. Bereits mit 20 (oder kurz danach) soll er seine erste Million verdient haben.
Bei Radin wurde immer wieder darüber spekuliert, ob er Kontakte zur Organisierten Kriminalität hatte und ob bei seinen Finanzen immer alles in Ordnung war.
Radin wirkte diesem Image entgegen, indem er mit seinen Revues besonders gerne Betriebsfeste der Polizei bediente. Allerdings wurden diese Kontakte zu lokalen Polizeieinheiten nach Ermittlungen gegen Radin durch Intervention hoher Behördenvertreter unterbunden. Radin musste sich 1975 vor der Staatsanwaltschaft von New York verantworten, weil er sich in erheblichem Maße an Kassen von Wohltätigkeitsveranstaltungen bedient haben soll. Die Details konnten nicht mehr genau aufgeklärt werden, vielleicht wollte die Staatsanwaltschaft aufgrund der erheblichen Verfilzung der Polizei nicht allzu genau nachschauen. Auf jeden Fall musste Radin in Zukunft eine größere Distanz zur Polizei halten.
Radin galt als wagemutiger Charakter und trat gut genährt und in feinen Zwirn gekleidet auf. Gerüchte besagten, dass er auch gerne dem Alkohol und dem weißen Pulver zusprach. Weitere Gerüchte sagten, dass er auch in den Handel verwickelt war. Das gilt für Kokain, vielleicht sogar für Heroin. Ermittler hegten den Verdacht, dass er in eine sog. "Hospital-Connection" involviert war, die Heroin aus Hawaii als Blutplasma getarnt nach New York geschmuggelt hat. Solche Verwicklungen zogen auch das Interesse des FBI auf sich.

Wie dem auch sei: Ende der 1970er-Jahre besaß Radin in Southampton auf Long Island ein palastartiges Anwesen namens "Ocean Castle". Dort kam es für ihn, der schon in früheren Jahren wegen seiner Geschäfte diverse Untersuchungen über sich ergehen lassen musste, zu weiteren schweren Zwischenfällen, die seine Biographie belasteten.
Es gab im Jahre 1980 soll bei einer seiner exzessiven Partys auf seinem Anwesen "Ocean Castle" vom 12. auf den 13. April die Schauspielerin (und Model) Melonie Haller misshandelt und vergewaltigt worden sein. Danach soll man sie blutend in einen Zug nach Manhatten gesetzt haben, wo sie benommen von Reisenden und Sicherheitskräften entdeckt wurde. In diese Aktion sollen neben Radin mehrere prominente Persönlichkeiten verwickelt gewesen sein, darunter auch Robert McKeage. Wahrscheinlich wurde das ganze auch gefilmt. Doch vor Gericht paukten gute Anwälte Roy Radin und seine Freunde heraus. Radin erhielt für unerlaubten Waffenbesitz eine Strafe von $ 1000 und der mutmaßliche Vergewaltiger 1 Monat Haft (!). Bei Hausdurchsuchungen hatte die Polizei noch erhebliches Pornomaterial gefunden, in dem Radin teilweise selber mitgewirkt hat.
Haller war 1971 in Minirollen in The Love Machine und The French Connection zu sehen. Später spielte sie in der 3. Staffel von Welcome Back, Kotter (1977 - 78) mit. 1980 erschien sie in der März-Ausgabe des Playboy.

Doch auf dem reichen Anwesen Ocean Castle gingen noch andere Dinge vor sich.
Wenige Monate nach dem Haller-Vorfall behauptete eine Frau, die auf Radins zweiter Hochzeit eingeladen war, in der Sauna von Ocean Castle von Roy Radin brutal angegriffen worden zu sein. Die Klage musste mangels Zeugen abgewiesen werden.
Auf dieser Party war ein Kunsthändler (Drogenhändler?) zugegen, der sich später ebenfalls vor Gericht verantworten musste, weil er beim Sex mit einem Strichjungen angeblich einen Komplizen beauftragt haben soll, den Jungen zu erschießen und dann dessen Blut getrunken haben soll. Auch diese Anklage kam mangels Zeugen nicht durch.
Ein schwerer Schlag traf Radin Ende 1981, als sein Kameramann samt Freundin in dessen Wohnung erschossen aufgefunden wurden. Dieser Mann soll auch bei der Vergewaltigung Melonie Hallers dabeigewesen sein.

Wie dem auch sei, Radin beschloss nun, dass das Leben an der Nordostküste der USA langsam ungemütlich wurde und verkaufte sein Anwesen Ocean Castle. Gleichzeitig wähnte er sein Glück an der Südwestküste der USA, wo er schon lange in die Filmgeschäfte einsteigen wollte. Dort traf er auf seine erwähnten Kompagnons, deren Bekanntschaft verhängnisvoll werden sollte.



STREIT UM DEN FILMDEAL 

Wie dem auch sei, mit Lanie Jacobs (später: Greenberger) geriet Radin an eine stärkere Gegenspielerin...
Zunächst wollten beide gemeinsam mit Evans den Deal für The Cotton Club voranbringen. Es ging längerfristig auch um The Two Jakes mit Jack Nicholson (Fortsetzung von Chinatown) und um ein weiteres Projekt.
Der Deal sollte so aussehen: Evans und Radin gründeten eine Produktionsgesellschaft, an der jeder einen Anteil von 45 % halten sollte. Die restlichen 10 % wurden unter zwei weiteren Gruppen aufgeteilt. Jacobs, die für Evans den Kontakt zu Radin hergestellt hatte, sollte dafür 50.000 $ bekommen, quasi als Finderlohn.
Diese Konstellation hatte aber einige Schwachpunkte:
  • Lanie Greenberger bekam sehr wenig. 
  • Die Gruppen der 10 % kamen aus Puerto Rico
    (Drogengelder? Regierung?)
  • Die 45 % des selbstbewussten Radin kamen aus unklaren Quellen.

Doch gleichzeitig glaubten die drei an dem Deal beteiligten Hauptpersonen, ihnen stünde jeweils selbst eine Karriere in Hollywood offen. Evans war schon etabliert und wollte es der Szene nach diversen Rückschlägen noch einmal zeigen (aber möglichst ohne die Hilfe der Paramount-Studios), Radin und Greenberger wollten in Hollywood ganz neu durchstarten. Radin wollte vom Tingeltangel zum Film-Establishment aufsteigen und Jacobs sah neben ihrer an sich schon vorhandenen Ruhmsucht ein, dass sie nicht ewig als Koksdealerin arbeiten konnte. Aber alle drei überschätzten ihre Kräfte.

Dazu kam noch, dass Evans und Radin Jacobs nur als Vermittlerin ansahen und keine Lust hatten, sie auch noch als gleichberechtigte Partnerin in dem Deal hochkommen zu lassen.


Jacobs wurde über die aus ihrer Sicht ungünstig verlaufenden Verhandlungen immer erboster. Sie war mit den 50.000 $ "Finderlohn" nicht einverstanden. Ein eskalierendes Ereignis war eine auf den 5. Mai angesetzte Verhandlung, die in Manhattan (NY) in einem Haus von Robert Evans stattfand. Eigentlich ging es um eine Unterredung zwischen Evans, Radin und einem Vertreter der Puertoricaner. Doch dann platzte plötzlich Lanie Jacobs in die Verhandlung hinein. Sie war ohne Ankündigung aus Los Angeles angeflogen gekommen und machte klar, dass sie sich nicht ohne einen Anteil an dem Projekt abspeisen lassen wollte.
Zuerst versuchte sie, Robert Evans zu einer weiterführenden Zusammenarbeit zu bewegen. Nachdem dieser zwar ein gewisses Verständnis zeigte, aber auf seine anderen Verpflichtungen verwies (u. a. gegenüber Melissa Prophet) und ihr keine Anteile von seinem Kuchen abgeben wollte, wendete sie sich an Radin.
Als dieser dann auch noch mauerte, sie wiederholt herablassend behandelte und es zusätzlich zu Drogenstreitigkeiten kam, beschloss Lanie Jacobs kurzer Hand, die Dinge final anzugehen, sprich: Radin zu ermorden!

Dazu brauchte sie jedoch Helfershelfer. Diese fand sie in einer Gruppe von Bodyguards, Sportlern und Vietnam-Veteranen, die neben diversen anderen Einsätzen auch für den Hustler-Tycoon Larry Flint gearbeitet hatten. Als Leibwächter und Veteranen verfügten sie über die passende psychische Ausstattung.
Der Kern dieser Truppe war ein gewisser William M(olony) "Bill" Menzer. Bill Menzer galt als nicht gerade schüchtern und soll neben seinen Jobs als Bodyguard mehrere Mordaufträge ausgeführt haben, die ihm allerdings nicht mit letzter Sicherheit nachgewiesen werden konnten. Ein Jahr nach den hier beschriebenen Zwischenfällen, am 29.06.1984, soll er die Trans-Prostituierte June Cassandra Mincher umgebracht haben, weil diese Mafiabosse mit deren sexuellen Eskapaden erpressen wollte. Des weiteren wird über eine Verwicklung in die Sun-of-Sam-Morde der 70er-Jahre wild spekuliert, was aber schwer beweisbar oder widerlegbar ist.
Weitere Komplizen waren Alex L(amota) Marti und Robert U(lmer) Lowe.

Robert Evans war jetzt selber nicht mehr so begeistert über seinen Deal mit Radin. Anscheinend wollte er ihn aus dem Vertrag haben. Zuerst machte er den Puertoricanern ein Angebot, was diese aber ablehnten, dann machte er Roy Radin ein Angebot, was dieser auch ablehnte. Evans begann sich auch zu Fragen, ob Radin hier wirklich mit eigenem Geld aktiv war.
Einige Fahnder stellten sich hinterher die Frage, ob nicht auch Evans ein Motiv gehabt haben könnte, bei der Verschwörung gegen Radin mitzuarbeiten. Man muss das aber offenlassen, weil es keine eindeutigen Beweise gab.


DIE FALLE

Nachdem Lanie Jacobs Angebote an Radin wieder und wieder abgeschmettert worden waren, beschloss sie, ihm mit den erwähnten Helfern eine Falle zu stellen.
Sie beabsichtigten, ihn in ein Auto zu locken, mit dem sie ihn angeblich zu einem Versöhnungstreffen mit weiteren Verhandlungsoptionen fahren wollten. Doch Jacobs plante, ihn schon im Auto vor eine letzte Wahl zu stellen: Entweder er ging auf ihre Vorschläge ein oder er würde getötet.

Doch Radin war nicht dumm. Ihm kam die Sache nicht geheuer vor und er wurde zusätzlich von seinen Beratern gewarnt. Deshalb bereitete er sich vor, aber möglicherweise nicht gut genug.
Lanie Jacobs hatte Roy Radin nach dem schweren Zerwürfnis zu einem Versöhnungstreffen in das Restaurant "La Scala" in Beverly Hills eingeladen. 
Radin sorgte dafür, dass er gesehen wurde. Bei der Abfahrt mit Lanie Greenberger ließ er sich von seinem Privatsekretär von der Hotellobby aus überwachen und gleichzeitig wartete der Schauspieler Demond Wilson in einem Auto und überblickte die Szenerie. Wilson und Radin waren dazu noch bewaffnet, Radin aber nur mit einer kleinkalibrigen Waffe.
Als die Limousine mit Jacobs und Radin abfuhr und Demond Wilson ihr folgen wollte, schob sich aber bald ein zweiter Wagen hinter den von Jacobs und Radin und Wilson, der im Verfolgen von Autos nicht ausgebildet war, wurde bald an roten Ampeln abgehängt.
Dann fuhr Wilson ins La Scala, traf dort aber Radin nicht an. Nach zwei Stunden erschien auch der Privatsekretär.

Radin blieb verschwunden und nach einer Weile schalteten die Radin-Getreuen die Polizei ein und erzählten von der Einladung Jacobs. Doch die behauptete, nach einem Streit mit Radin ausgesteigen zu sein, sich dann auf eine Party begeben zu haben und dann zu einem Anwalt gegangen zu sein. Doch so war es nicht. Die Ermittler mussten aber erst einmal die gut präparierten Zeugenaussagen glauben. Interessant ist, dass Jacobs in dieser Nacht noch diverse Telefonate tätigte, darunter mit Robert Evans!
Was aber stimmte war, dass Jacobs danach - angeblich aus Schock über das Verschwinden - per Flugzeug Hollywood verließ und in ihre alte Heimat Florida flog. [Dort heiratete sie später einen Herrn Greenberger, der ebenfalls unter mysteriösen Umständen verstarb.]
Greenberger und ihre Komplizen profitierte auch von den schlampigen Ermittlungen und von der noch nicht vorhandenen Möglichkeit der Erstellung eines genetischen Fingerabdrucks. Man fragte auch nicht nach einem möglichen Fahrer oder Chauffeur des Wagens, mit dem Jacobs und Radin weggefahren waren.

In Wirklichkeit verlief der "Versöhnungsabend" so: Lanie Jacobs stellte im Fahrzeug Roy Radin ein allerletztes Ultimatum. Dieser hatte keine Lust, darauf einzugehen und wollte nach seiner Waffe greifen, doch Jacobs war schneller. Sie hielt Radin eine großkalibrige Handfeuerwaffe an die Schläfe.
Der Fahrer des Wagens, natürlich ein Verbündeter von Jacobs, half bei der Szene. Radin saß in der Falle und konnte auch nicht mehr auf Hilfe durch den abgehängten Demond Wilson hoffen.
Dann stiegen entweder zwei Männer aus dem hinteren Wagen zu oder man stieg in den hinteren Wagen um. Radin wurde nun zum Caswell Canyon gefahren, einem abgelegenen Gelände, das die Gruppe schon häufiger zu Schießübungen benutzt hatte. Greenberger war aber nicht mehr von der Partie, denn sie brauchte ein Alibi.
Radins Tage aber waren gezählt: Er wurde mit mehreren Schüssen hingerichtet. Doch man wollte ihn nicht einfach so erschießen: Radins Kopf wurde zerfetzt und bei seiner Leiche lag eine religiöse Schrift. Das nährte bei investigativen Journalisten später Spekulationen in Richtung satanistischer Netzwerke. Auch soll Radin mit 13 Schüssen hingerichtet worden sein, weil Freitag der 13. war und 13 als magische Zahl gilt. An den Schüssen waren mindestens Mentzer und Marti aktiv beteiligt.
Man konnte die Tat aber nicht mehr in allen Einzelheiten rekonstruieren, weil Radins Körper erst nach rund einem Monat in dieser Einöde gefunden wurde und die Coyoten und andere Raubtiere von seinem einst wuchtigen Körper kaum noch etwas übrig gelassen hatten.
So oder so endete das Leben von Roy Radin, am Freitag, den 13. Mai 1983. 

William "Bill" Mentzer (Polizeifoto)


DIE AUFKLÄRUNG

Die Aufklärung des Falles ließ lange auf sich warten. Die Polizei arbeitete schlampig und naiv und es mag auch eine Rolle gespielt haben, dass Robert Evans Ermittlern gut dotierte Filmjobs anbot. Einige Insider gaben den Fall schon für verloren.

Die Wende deutete sich erst ein Jahrfünft später an. Ein Bekannter der Radin-Mörder, dem auch Gegenstände des Toten zum Kauf angeboten worden waren (Rolex), bot der Polizei heiße Informationen über den Fall an.
Das war aber nicht so freiwillig und idealistisch, wie es schien. Die Polizei hatte den Mann namens William "Bill" Rider am Wickel, der sich so von eine höheren Strafe freizukaufen versuchte.
Rider war ein ehemaliger Vietnam-Veteran (Marineinfanterie), Polizist und Bodyguard (→ einige Parallelen zu Mentzer). Gleichzeitig war er der Schwager von Larry Flynt (Hustler-Verleger). Die Geschäftsbeziehung löste sich aber auf, nachdem Rider angeblich Flynts 14-jährige Tochter sexuell belästigt hatte. Rider selbst stellte die Sache anders dar.
Rider klärte die Polizei darüber auf, dass er als Flynts Leibwächter die späteren Killer Mentzer, Marti und Lowe angestellt habe (mindestens aber zwei von ihnen) und dass sie dort als untergeordnete Bodyguards gearbeitet haben. Und er sagte aus, dass Bill Mentzer für Lanie Jacobs eine Art "Mädchen für alles" war.
Außerdem sah Rider nicht nur Jacobs, sondern auch Evans als Drahtzieher und Geldgeber hinter den Morden!
Die Polizei hatte nun vor, Rider zu "verdrahten" und zu einem Umtrunk mit den Mördern zu schicken. Irgendwann bekam man kalte Füße, dass das Unternehmen aufgedeckt werden könnte, aber es reichte zur Rekonstruktion der Mordnacht. Besonders die Aussagen von Mentzer waren wichtig.

Bill Mentzer gab im Gespräch nicht nur detaillierte Angaben über die Mordnacht preis, sondern er prahlte auch mit weiteren Hits. Seiner Darstellung nach war Evans auch in die Planung des Hits involviert.
Außerdem wollte Mentzer Rider zu einem neuen Doppelmord anstiften, der im Auftrag eines Geschäftsmannes aus Florida durchgeführt werden sollte (Preis: 100.000 $). Beide trafen sich mit ihm daraufhin in Los Angeles. Ermittler identifizierten diesen Geschäftsmann als Larry Greenberger, ein wichtiger Statthalter von Carlos Lehder in den USA. Und dieser Mann war ausgerechnet mit Lanie Jacobs, dann Lanie Greenberger verheiratet, die 1983 nach dem Radin-Mord Kalifornien so schnell verlassen hatte
Doch zur Ausführung des Doppelmordes kam es nicht mehr: Nur rund eine Woche nach dem Gespräch mit Greenberger wurde dieser im Garten seines Heimes Okeechobee selber ermordet. Lanie Greenberger vermutete Selbstmord, doch das wollten viele nicht so richtig glauben. Sie galt mit ihren Helfern, die ab und zu mal vorbeischauten, als dringend tatverdächtig. Mangels handfester Beweise wurde aber nie eine Anklage gegen sie erhoben.
Man fand bei Ermittlungen heraus, dass sie dabei war, ein Unternehmen zu gründen, dass günstige Reisen zu Schönheits-OPs in Mexiko vermitteln sollte. Ihr Mann wollte ihr dafür offensichtlich nicht in ausreichendem Maße finanziell behilflich sein. Darin könnte ein Motiv für einen Mord stecken.


Wie auch immer: Lanie Jacobs-Greenberger wurde im Oktober 1988 zusammen mit ihren mutmaßlichen Komplizen verhaftet. Die Polizeikräfte wollten ihre verdeckten Ermittlungen nicht zu lange ausdehnen, weil sie nicht sicher waren, was noch alles passieren würde.
Den Verurteilten wurde der Prozess gemacht und 1991 kam es zur Verurteilung zu langen Freiheitsstrafen:
  • William Mentzer erhielt für Mord 1. Grades lebenslänglich 
  • Alex Marti erhielt für Mord 1. Grades lebenslänglich 
  • Greenberger erhielt für Mord 2. Grades lebenslänglich 
  • Lowe erhielt für Mord 2. Grades lebenslänglich



Montag, 14. März 2016

THE PROCESS CHURCH OF THE FINAL JUDGEMENT

http://streamsofconsciousness.org/wp-content/uploads/2013/09/process_church_the_the_final_judgement.jpg




Die Process Church of the Final Judgment (Prozess-Kirche des Jüngsten Gerichts) war eine Art religiöse Bewegung und Gruppierung, die auch Züge einer Psychosekte trug. Kurzbezeichnungen waren The Process Church oder nur Process. Später änderte die Gruppe mehrfach ihren Namen.
Die Process Church entstand in den 1960er-Jahren als eine Scientology-Abspaltung und erhielt in den 60ern und 70ern großen Zulauf. Damals nutze man die ideologischen Unsicherheiten in Folge der Hippiebewegung und anderer Protestbewegungen (Vietnam, Rassenfrage) aus.
In den 1970ern kam es zu internen Verwerfungen, verschiedenen Umbenennungen und schließlich 1991 zur Gründung der Best Friends Animal Sanctuary, die seit 2003 B. F. A. Society hieß. Diese Organisation hatte eine andere Ausrichtig: Sie war eine Tierschutzorganisation. Trotzdem ging diese Gründung auf frühe Bekehrungsmotive und auf Tierschutzprojekte auf ihrer Ranch in Arizona ab 1971 zurück. [Das bedeutet, wir haben hier Bruch und Kontinuität in einem.]


1960er-Jahre

In den 60er-Jahren wurde die Process Church als Scientology-Abspaltung von Robert DeGrimston (eigtl. Moor) und Mary Anne DeGrimston (eigtl. MacLean). Das Paar war zunächst kameradschaftlich im Einsatz für die neue Mission, aber verschieden vom Typus. Robert DeGrimston war ein Architekt, der aber aufgrund der damaligen Erziehung eine Neigung zum Religiösen und Übersinnlichen hatte. Mary Anne kam aus eher bescheidenen Verhältnissen, hatte aber dadurch einen enormen Aufstiegswillen. Sie soll sogar einmal kurzzeitig als Domina gearbeitet haben.
Auf jeden Fall gefiel dem Scientology-Chef L. Ron Hubbard die Abspaltung der neuen Gruppierung nicht gut. Er setzte deren Anhänger deshalb auf die Liste der "Suppressive Persons" und verhängte damit so eine Art Acht über sie.
Die Process Church ließ sich davon aber nicht beunruhigen und siedelte 1966 nach Xtul auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan über. Erst durch entstand nach diversen Selbstfindungritualen eine halbwegs kohärente "processean theology". Angeblich soll die Gruppendynamik auch durch diverse Wetterumschwünge beeinflusst worden sein.
Schließlich wollte die Gruppe sich ein neues Zuhause suchen und wählte New Orleans in den USA.



1970er-Jahre

In den 1970er-Jahren verschlechterten sich die Beziehung der Eheleute DeGrimston. Nach der Scheidung zeigte sich das Machtbewusstsein von Mary Anne, so dass Robert DeGrimston ausgeschlossen wurde. Auch die ideologische Ausrichtung der Gruppe wurde nach dem Ausscheiden des "Teachers" deutlich verändert. Mary Anne übernahm jetzt die Führung.
Selbst der Name wurde geändert, jetzt hieß die Process Church plötzlich "Foundation - Church of the Millenium". Später kam es zu weiteren Umbenennungen, so 1978 in "Foundation Faith of the Millenium".

Robert DeGrimston wollte diese Entwicklung nicht widerstandslos hinnehmen und versuchte mehrmals, entweder zurückzukehren oder eine neue Gruppe zu gründen und Anhänger um sich zu scharen. Als dies keinen durchschlagenden Erfolg hatte, gab er sein Vorhaben auf und suchte sich einen bürgerlichen Beruf.


"Theologie" und Lehren

Nach Darstellung der Process Church kam es in Xtul zu einem Channeln von Botschaften von Gott. Der Gott Jehova wurde noch als einziger Gott angesehen. Später erweiterte man die Lehre auf drei bzw. vier Götter ("Three Great Gods of the Universe"): Jehova, Lucifer und Satan als Götter und Jesus Christus als deren Abgesandter.

Nach der Process-Lehre existieren alle drei göttlichen Realitäten in jedem Menschen. Die drei bzw. vier Kräfte wiegen sich als Einheit der Gegensätze aus. Erst beim Jüngsten Gericht kommt es dann aber zur endgültigen Vereinigung.


Mögliche Kontakte zur Manson Family und Vorwurf des Satanismus

Die Process Church galt nicht nur als Neureligion und als Psychokult, sondern ihr wurden immer wieder auch Kontakte zu dubiosen Gruppierungen und Verwicklungen in okkulte bis kriminelle Tätigkeiten vorgeworfen.
Bei diesen Vorwürfen ist es aber schwer, eine klare Grenze zwischen beweisbaren Verfehlungen und Verschwörungstheorien zu ziehen.

Die Vorwürfe der Kontakte zur Manson Family speisen sich hauptsächlich aus 3 Quellen:
  • Die Lehre von Charles Manson weist gewisse Ähnlichkeiten zu der der Process Church auf. 
  • Beide Gruppen lebten im damaligen Californien nahe beieinander. 
  • Mitglieder der Process Church haben Manson im Gefängnis besucht und über seine Absichten, sein Vorgehen und wahrscheinlich auch seine Kontakte zur Kirche befragt. Darüber und über den Kult allgemein erschien ein Artikel in der Spezialausgabe des "Process Magazines" mit dem Namen "Death". 

Andeutungen auf eine mögliche Beziehung der beiden Kulte findet man in Vincent Bugliosis Buch über Charles Manson und seine Family.
Ed Sanders, ein anderer wichtiger Manson-Autor, geht da weiter. Er schreibt in seinem Buch "The Family", das in der ersten Ausgabe noch den Untertitel "The History of Charles Manson and his Dune Buggy Attack Battalion" trug, dass er bei den Recherchen auf nicht genannte Insiderquellen gestoßen sei, die darauf hinwiesen, dass die Familie nicht alleine gehandelt habe, sondern in viel tiefere kultische Zusammenhänge und Strukturen verwickelt sei.
In späteren Ausgaben musste Sanders aufgrund juristischer Maßnahmen der Process Church seine Aussagen deutlich abschwächen.

Ein weiterer Autor, Maury Terry, verbindet den Kult in "The Ultimate Evil" nicht nur mit der Manson Family und ihren Gewalttaten, sondern auch mit dem Serienmörder Son of Sam (David Berkowitz) und mit weiteren Gewalttaten.
Dabei behauptet er, dass es von der Process Church besonders gewalttätige Abspaltungen gegeben habe, darunter v. a. das 4-Pi-Movement. Hinter dieser Gruppe stünden viele dubiose Persönlichkeiten, darunter auch superreiche Kalifornier. Einer ihrer frühen Anführer soll "Grand Chingon" genannt worden sein. Eine Person, die auch mit der Gruppe in Verbindung gebracht wird, ist William "Bill" Mentzer, einer der Mörder des Medienunternehmers Roy Radin.
Das 4-Pi-Movement in schwerste Straftaten wie Mord, Drogenhandel, Tieropfer (Schäferhunde!) und sexuell motivierten Menschenhandel verwickelt gewesen seien. Diese Vorwürfe sind schwer zu beweisen oder zu widerlegen, weil sich solche investigativen Autoren auf den Schutz ihrer Quellen berufen. In der damaligen Zeit wurde viel und in reißerischem Stil über Satanismus berichtet, so dass Kritiker dieser Berichterstattung von überschäumender Phantasie und "Satanic Panic" sprachen. Es sei maßlos übertrieben, so zu tun, als sei das ganze Land von derartigen Machtgruppen unterwandert.
Allerdings muss man einräumen, dass der Gewalttäter David Berkowitz, der sich Son of Sam nannte (Motiv?), recht detailliert über seine Kontakte zu derartigen Gruppen und über ihr Treiben berichtete. Das mag auch ein Mittel sein, um sich im Gefängnis wichtig zu machen und ggf. Hafterleichterungen durchzusetzen, allerdings wurden an einigen der beschriebenen Kultorten tatsächlich

Neben einer Nähe zu kriminellen Kreisen und Satanismus wird der Process Church bzw. ihren Ablegern auch eine Nähe zu Ideologemen des Nationalsozialismus' vorgeworfen. Diese sei schon in ihren Symbolen zu erkennen (z. B. Nähe zum Hakenkreuz). 


QUELLEN:

Wikipedia
Process-Publikationen 
-
Bugliosi, Vincent/Curt Gentry: Helter Skelter
Sanders, Ed: The Family
Terry, Maury: The Ultimate Evil
Wyllie, Timothy/Adam Parfrey: Love, Sex, Fear, Death; 2009
" : Propaganda and the Holy Writ of the Process Church of the Final Judgement; 2011






Freitag, 4. März 2016

DEONTOLOGIE (DEONTOLOGISCHE ETHIK)


Die Deontologie (Deontologische Ethik; von δέον - das Gesollte, die Pflicht) beschreibt eine Reihe ethischer Ansätze, nach denen ein Handeln aus einer (empfundenen) Pflicht heraus auch dann geboten ist, wenn die Konsequenzen ungünstig sind. Das heißt die (intrinsische) Bewertung einer Handlung als gut oder schlecht ist unabhängig von ihren Konsequenzen.

Einen anderen oder gar gegensätzlichen Ansatz stellen die konsequentialistischen Theorien dar, die nicht auf den intrinsischen Charakter eine Handlung abstellen, sondern auf deren Konsequenzen.

Der Begriff Deontologie (deontology) wurde bereits von Jeremy Bentham geprägt. Genauer definiert wurde er von C. D. Broad (Charlie Dunbar B.) und William K. Frankena. C. D. Broad unterteilte alle ethischen Theorien in zwei Klassen: Deontologische Theorien und Teleologische Theorien.

Wichtige Einflüsse nahm die Deontologie auch aus den Theorien Kants. Für Kant spielten die sogenannten Maximen eine Rolle. Man solle nur nach den Maximen handeln handeln, von denen man gleichzeitig wollen kann, dass sie ein allgemeines Gesetz werden. So leitet Kant seinen Kategorischen Imperativ ab.