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Montag, 7. Oktober 2013

STELLA GOLDSCHLAG (KÜBLER, ISAAKSOHN)

* 10.07.1922
+ 1994

 

Stella Goldschlag (Kübler/Isaaksohn) war eine jüdische Gestapo-Agentin im Zweiten Weltkrieg, die als Greiferin andere Juden aufspürte.

Stella Goldschlag war die Tochter des klassischen Musikers und Journalisten Gerhard Goldschlag und seiner Frau Toni. Sie erlebte die Machtergreifung Hitlers als Zehnjährige und musste dann die Schule wechseln. Für Juden in Berlin kam z. B. die private Goldschmidt-Schule in Frage.
Der Vater musste sich mit seinen Kompositionen an den Jüdischen Kulturbund wenden. Er verstand nicht, dass sich die Schlinge um die Familie immer weiter zusammenzog und bemühte sich zu spät um eine Ausreisemöglichkeit.

Stella Goldschlag war als einziges Kind ihrer Eltern sehr umsorgt, aber auch fremdbestimmt. Sie erhielt in der Schule gute Noten und galt ob ihres blonden ("arischen") Aussehens bald als Star der Schule. Einige Biographen sehen in dieser früh eingeübten Primadonnen-Rolle auch einen Grund für den späteren schwierigen Lebensverlauf. Prägend für sie war auch, dass ihre Familie zum assimilierten Judentum gehörten. Diese Gruppe innerhalb des Judentums sah sich primär als deutsch und distanzierte stark von orthodoxen Juden, die meistens aus dem Osten stammten.
Goldschlag machte ihren Schulabschluss und absolvierte dann eine Ausbildung zur Modezeichnerin.

Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges heiratete sie den ebenfalls jüdischen Musiker Manfred Kübler. Doch mit dem Krieg verschlechterte sich die Lage der Juden weiter. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion, der zunächst für die deutsche Armee erfolgreich verlief, wurden die Planungen für die Deportationen der Juden vorangetrieben. Die endgültige Planung erfolgte wahrscheinlich am Januar 1942 auf der Wannsee-Konferenz. Diese heute so bekannte Konferenz war bis zum Kriegsende geheim.
Die Juden, die bis jetzt noch nicht ausgereist waren, wurden schrittweise abgeholt oder tauchten unter. In einigen Großstädten konnten sich Juden etwas länger der Deportation entziehen, doch auch hier zog sich das Netz zu.
Einige Juden konnten aufgrund des großen Arbeitskräftebedarfs auch offiziell noch in der Industrie überleben.

Bei Stella Goldschlag war das Problem, daß ihr Vater sich (wie viele deutsche Juden) sehr als Deutscher sah und nicht glauben konnte, was da auf die Familie zukam. Gleichzeitig verfügte die Familie über keine guten Kontakte zu Verwandten in die USA (Bedingung für eine Ausreise) und musste so auf ostjüdische Organisationen vertrauen, mit denen deutsche Juden oft über Kreuz lagen. Ausserdem war er nicht forsch genug in seinem Vorgehen.
Nachdem also die Ausreisepläne scheiterten und die Judendeportationen auch in Berlin intensiviert wurden, tauchte Stella Goldschlag unter. Später kam sie in einer Fabrik unter. Im Frühjahr 1943 erfolgte die sog. Fabrikaktion, in der auch die Juden deportiert werden sollten, die bislang verschont wurden, weil man ihre Arbeitskraft brauchte. Der offizielle Name war "Grossaktion Juden", der Name wurde von Opfern nach dem Krieg geprägt. Auch Goldschlag wurde verhaftet. Ihr Missgeschick war, dass sie dem Fälscher Rogoff vertraut hatte, der ihr einen falschen Pass anbot. An sich war Rogoff als Grafiker für die Herstellung gefälschter Dokumente sehr gut geeignet, aber er verlor einmal Papiere, die seine Fälschertechnik durchschaubar machten. Rogoff geriet dadurch ins Visier der Fahnder und konnte nur mit Mühe und Not über den Rhein schwimmend in die Schweiz fliehen. Viele Menschen, denen er helfen wollte (gegen hohe Bezahlung), gerieten so in Gefahr. Überhaupt zeigt sein Beispiel, dass sich clevere und jung-dynamische Geschäftsmänner angesichts der entstandenen Schattenwirtschaft für einige Zeit gut halten konnten.

Stella war derweil den Sicherheitsbehörden wieder entkommen und lebte mit ihrem damaligen Lebensgefährten, Rolf Isaaksohn (Tarnname: von Jagow) im Untergrund. Wie viele Untergetauchte wurde ihnen aber das "leise" Leben mit der Zeit unangenehm und sie wollten nicht immer in der Wohnung bleiben. Deshalb besuchte Stella und besuchte mit Rolf anonym erscheinende Restaurants und Cafés. Dabei wurden sie aber von einer Jüdin, die für die Gestapo arbeitete, Inge Lustig, verraten. Lustig war eine "Greiferin", also eine Jüdin, die für die Gestapo Juden jagte (später wurde sie selber deportiert).
Rolf Isaaksohn konnte mit seiner Nichte gerade noch entkommen, wurde aber später festgenommen und bot nun seinerseits der Gestapo seine Mitarbeit an. Angeblich überlegte er dafür nicht lange.

Ab August 1943 war Stella Goldschlag zusammen mit ihren Eltern im Sammellager Große Hamburger Straße inhaftiert. Später wurden Juden v. a. im Jüdischen Krankenhaus interniert.
Stella Goldschlag versuchte erneut zu fliehen (Vortäuschung von Zahnschmerzen), doch sie musste angesichts der aussichtslosen Lage nach Bombenangriffen zurückkehren.
Stella wurde jetzt im Lager von SS-Folterknechten "behandelt" und dann wieder SS-Hauptscharführer Walter Dobberke vorgeführt. Sie hatte am ganzen Körper Stauchungen, möglicherweise Brüche und eine eingerissene Lippe. Unter diesen Umständen und um ihre Eltern zu retten, erklärte sie sich nun bereit, mit der Gestapo zusammenzuarbeiten. Dobberke erkannte schnell, dass man mit einer so germanisch aussehenden Jüdin leicht auf Jagd nach den verbliebenen untergetauchten Juden gehen konnte, die man damals "U-Boote" nannte.

Stella Goldschlag mit Rolf Isaaksohn und einem weiteren Gestapo-Kameraden.
(Isaaksohn floh bei Kriegsende aus Berlin in Richtung Lübeck und verschwand für immer.
Stella setzte sich nach Liebenwalde ab und wurde 1945/1946 enttarnt.)

Stella Goldschlag durchkämmte nun Berlin alleine oder in der Gruppe nach untergetauchten Juden. Oft arbeitete sie mit ihrem Partner Rolf Isaaksohn (von Jagow) zusammen. Dabei nutzte sie Erfahrungen aus ihrer eigenen Zeit als U-Boot aus und wartete auf ihre Opfer an bestimmten Plätzen und in bestimmten Milieus. Gerne gab sie sich als Helferin der Verfolgten aus und versuchte, auch die Tiefenstrukturen der Netzwerke der Untergetauchten zu durchschauen. Stella verriet ihre Opfer entweder an die Gestapo oder verhaftete sie sogar selber. Später wurden die jüdischen Greifer sogar mit Pistolen ausgestattet.
Es muss damals allein in Berlin einige Dutzend jüdische Greifer gegeben haben. Die jüdische Kollaboration mit den Nazis in der Verwaltung, z. B. als Selektionsarzt, Krankenschwester, Kapo im Lager oder Ordner bei der "Judenpolizei" (offiziell jüdischer Ordnungsdienst) ging noch viel weiter.
Wie viele Opfer insgesamt auf ihr Konto zurückgehen, ist unbekannt. Die Schätzungen gehen von einigen 100 bis zu weit über 1000. Stella selbst soll die Verhaftung ihres 100. Opfers, eines 70jährigen Mannes, triumphal gefeiert haben. Auch sagten Auschwitz-Überlebende aus, dass, wenn über den Verrat durch Greifer die Rede war, oft der Name Stella Goldschlag genannt wurde.
Sie galt als "Blondes Gespenst" oder "Blondes Gift" und ihr Seitenwechsel sprach sich herum. Goldschlag selber rechtfertigte ihr Vorgehen später damit, dass sie ihre Eltern retten wollte und die "Illegalen" selber lieber von Juden verhaftet werden wollten als von regulären Sicherheitskräften.

Stella Goldschlag konnte durch die Kollaboration aber weder die Deportation ihres Mannes noch die ihrer Eltern dauerhaft verhindern. Dobberke stellte die Deportation der Eltern zunächst zurück, erhielt dann aber einen immer stärkeren Druck seitens seiner Vorgesetzten. Er sollte auch noch die letzten Juden abtransportieren. Bei ihren Eltern hat Stella Goldschlag sich wenigstens dafür einsetzen können, dass diese zuerst nach Theresienstadt kamen und nicht nach Ausschwitz. Dort war ihr Vater wohl noch kurz als Musiker im Lager aktiv. Doch bei der Entscheidung "Theresienstadt" blieb es nicht und dann wurden Gerhard und Toni Goldschlag doch nach Auschwitz deportiert und dort vernichtet.

Gegen Ende des Krieges liess die Aktivität von Stella Goldschlag nach. Die Gründe dafür werden diskutiert: Es gab nicht mehr so viele Juden, das Kriegsende war absehbar und die Kollaborateure mussten über ihre Zukunft nachdenken, die Beziehung zu Rolf Isaaksohn, mit dem sie oft auf Jagd war, verschlechterte sich und sie traf eine Jüdin namens Eichelhardt/Wolf, die sie zu überreden versuchte, als Jüdin keine Juden zu jagen. Trotzdem spürte Stella bis zum März 1945 noch Juden auf.
Ihr Partner Rolf Isaaksohn, mit dem sie trotz einer von Dobberke erzwungenen Heirat immer mehr über Kreuz lag und der sich als bisexuell herausstellte, jagte bis zum Ende des Krieges mit voller Intensität weiter. Er erwies sich als ausgesprochener Opportunist und schon seine Mutter soll gewarnt haben, dass er sogar bereit sei, seine eigene Familie zu verraten, wenn es ihm Vorteile einbrächte. Isaaksohn hatte ein galantes Auftreten und ein einnehmendes Wesen und konnte gut als Fälscher arbeiten. Gelegentlich arbeitete er sogar im Krieg als Schauspieler. Doch er hatte keine Skrupel, im günstigsten Moment die Seiten zu wechseln. Gegen Ende des Krieges liess er Stella allein und verschwand für immer. Wohlwissend, dass sich das Kriegsglück gewendet hatte, hatte er Geld angespart, Unterlagen vorbereitet und sich einen Platz in einem Diplomatenauto nach Lübeck gesichert. Wahrscheinlich wollte er weiter nach Dänemark.
Dann verschwand er.
Aufgrund der sich über Etappen verschlechternden Beziehung zu Rolf Isaaksohn fing Stella Goldschlag eine Beziehung mit Heino Meissl an, den sie im Krankenhaus kennengelernt hatte und von dem sie schwanger war (wahrscheinlich von ihm).
Meissl verschaffte ihr eine Unterkunft in Bad Liebenwalde vor Berlin, setzte sich dann aber trotz anderer Versprechungen zu seiner Mutter nach München ab. Stella, die während des Krieges mehrere Beziehungen eingegangen war, wurde nun von allen alleine gelassen.

Im April 1945 war selbst den hartgesottensten Anhängern des alten Regimes klar, dass die militärische Lage aussichtslos war. Dobberke erhielt zwar von seinem Vorgesetzten Möller Druck, seine Tätigkeit mit verstärktem Eifer fortzusetzen, aber andererseits merkte er auch, was die Stunde geschlagen hatte und wollte seinen Hals aus der Schlinge ziehen.
Ein jüdischer "Laufbursche" Dobberkes wollte gehört haben, dass Möller die Liquidierung des Lagers im Krankenhaus befohlen hatte, worauf Vertreter der Gefangenen ihm einen Deal vorschlugen.
Dobberke sollte die Gefangenen freilassen, wenn sie ihm als Gegenleistung schriftlich bescheinigten, dass er keine Verbrechen begangen habe. Goldschlag und Isaaksohn waren aber schon einige Tage vorher geflohen.
Dobberke hatte nach ihnen erst noch fahnden lassen und einigte sich dann mit den Gefangenen im Krankenhaus auf den erwähnten Deal. Doch  seine Winkelzüge brachten ihm nichts mehr: Er wurde später von den Sowjets geschnappt und starb danach an einer Krankheit.

Stella konnte sich zwar im April 1945 während der Schlacht um Berlin nach Liebenwalde absetzen, wo ihr Heino Meissl eine Bleibe besorgt hatte. Doch wurde sie dort nach negativen Äusserungen über die Sowjetische Geheimpolizei und Vergleichen mit der Gestapo von einer Krankenschwester denunziert und festgenommen. Anfang 1946 wollte sie sich noch als Opfer des Faschismus anerkennen lassen, aber das misslang und ihre Identität flog auf. Sie wurde im Polizeigefängnis Alexanderplatz inhaftiert, dann der SMAD übergeben und im Juni 1946 durch ein Sowjetisches Militärtribunal zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Diese musste sie in verschiedenen Gefängnissen absitzen und zog dann nach West-Berlin. Hier wurde sie 1957 in einem weiteren Prozess zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, ihre Strafe wurde aber gegen die bereits abgesessene aufgerechnet. Opfer des Naziregimes wollten das Urteil anfechten, aber es wurde 1972 bestätigt.


Stella Goldschlag bei einem Verhör (im Hg. warten schon jüdische Belastungszeugen)



Stella Goldschlag beim Prozess in West-Berlin

Stella Goldschlag, die bereits zweimal verheiratet war, heiratete nach dem Krieg noch drei Mal. Oft musste sie aber Männer unter ihrem Stand heiraten, die dazu noch Gesundheitsprobleme hatten. Ihr letzter Mann starb 1984. Angeblich war einer ihrer Männer sogar ein ausgesprochener Sympathisant des NS-Regimes. Einige Quellen deuten auch an, dass sie zum Christentum konvertierte.
Goldschlag war zwar nicht reich, hatte aber eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit durch eine Rente. Sie litt mit der Zeit an Einsamkeit, aber auch an ihren Taten. So richtig ins Bewusstsein kamen diese aber erst wieder durch ihren ehemaligen Mitschüler Peter Wyden, der sie am Anfang der 90er-Jahre ausfindig machte und interviewte. Er brauchte lange, um die Distanz zu überwinden. Goldschlag gab auch nur zögernd zu, was sie getan hatte.
Im Jahre 1994 verübte sie im Alter von 72 Jahren Suizid, indem sie sich aus einem Haus stürzte.

Ihr Fall ist bezeichnend für die der jüdischen Greifer, die besonders in grossen Städten wie Hamburg oder Berlin am Werk waren. Ihre offizielle Bezeichnung war "Jüdischer Fahndungsdienst". Die Mitglieder dieses Dienstes brauchten keinen Judenstern zu tragen und hatten finanziell ihr Auskommen. In Berlin waren unter Dobberke an die 30 Greifer unterwegs (20 - 30?). Dazu gehörten: (die erwähnten) Stella Goldschlag und Rolf Isaaksohn (von Jagow); Günther Abrahamsohn, Ruth Danziger (?), Bruno Goldstein, Inge Lustig,  Kurt ? und andere.

Solche Greifer handelten aus unterschiedlichen Motiven. Sie taten es entweder, um sich oder Angehörige vor der Deportation zu schützen, aus materiellen Motiven, aus Abenteuerlust oder aus Obrigkeitshörigkeit. Einige liessen auch einige ihrer Opfer laufen. Auch dafür gab es verschiedene - nicht nur hehre - Motive, z. B. materielle Gier oder sexuelle Erpressung.


LITERATUR:

Wikipedia
Wyden, Peter: Sonst kommst du nach Auschwitz (1992)
-
Martin Ros: Schakale des Dritten Reiches. Untergang der Kollaborateure 1944 - 1945; Stuttgart 1997
Peter Wyden: Stella; New York, 1992
Peter Wyden: Stella - Eine Jüdin auf Judenjagd für die Gestapo im Berliner Untergrund; in: Der Spiegel, 02.09.92
-
Ferdinand Kroh (Doku): Die Greiferin. Die Geschichte einer jüdischen Gestapo-Agentin; BRD 1995



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