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Freitag, 8. August 2014

GIORGIO AGAMBEN


* 22.04.1942 in Rom


LEBEN

Giorgio Agamben ist ein italienischer Philosoph, Essayist und Schriftsteller, der u. a. am Collège international de philosophie in Paris lehrt.

Giorgio Agamben studierte an der Universität La Sapienza in Rom Jura. Agamben schrieb seine Abschlussarbeit über die Philosophin Simone Weil. Agamben hatte schon während des Studiums Kontakte zu Elsa Morante, Alberto Monravia ... 


Durch die Kontakte zu Pasolini hatte Agamben die Möglichkeit, im Jahre 1964 im Film "Il vangelo secondo Matteo" (Das 1. Evangelium - Matthäus, wörtl. Das Evangelium nach Matthäus) mitzuspielen. Er übernahm die Rolle des Philippus (gen. Apostel).

In den Jahren 1966 und 1968 nahm Agamben an Seminaren Martin Heideggers in Le Thor teil (initiiert durch René Char). In den beiden Seminaren beschäftigte man sich mit Heraklit und Hegel. Die gewonnenen Ideen gingen in das frühe Werk "L'uomo senza contenuto" ein. In dieser Zeit begann auch der Kontakt mit Hannah Arendt (vgl. "Macht und Gewalt").


Von 1978 bis 1986 gab Agamben im Auftrag von Giulio Einaudi (1912 - 1999) die Schriften von Walter Benjamin auf Italienisch heraus, wobei er neue Manuskripte von Benjamin entdeckte. 

Von 1986  bis 1992 war Agamben "Directeur de Programme" am Collège international de philosophie in Paris. 1988 wurde er Professor für Ästhetik an der Universität Macerata, 1993 Dozent für Philosophie an der Universität in Verona. Seit 2003 ist Agamben Professor für Ästhetik an der Facoltà di Design e Arti della IUAV in Venedig. 
Daneben übernahm Agamben Gastprofessuren in den USA und in Deutschland (z. B. 2005/2006 an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und 2007 an der Universität zu Köln). 2008 war er Fellow des Kollegs Friedrich Nietzsche.  


WERK 


Wie man sieht ist Agamben schon sehr lange philosophisch tätig. International bekannt ist er aber erst seit Mitte der 1990er-Jahre. Agambens philosophische Äusserungen und Betätigungen bewegen sich im Bereich zwischen akadamischer Philosophie, Literaturwissenschaft und medialer Kommentierung des Zeitgeschehens.
Agamben äussert sich dabei auch zu politischen und rechtlichen Fragen.

Neben dem erwähnten Bezug zu Marx, Heidegger, Arendt, Benjamin u. a. geht Agamben häufig auf den Begriff der Biomacht bei Foucault ein und äussert sich zu biopolitischen Fragen.
Agambens Werk ist vielfältig und multipolar. Kennzeichend sind aber Kernintentionen wie Machtkritik, Konsumkritik und eine Wiederentdeckung des Ästhetischen. Interessant ist auch sein historisch weitreichendes philosophisches Ausholen und seine Verwendung von juristischen Begriffen.
Manche ordnen ihn auch in einen romanischen, ästhetischen Neo-Marxismus ein.
Darüber hinaus beschäftigt er sich noch mit Themen der Sprachphilosophie (z. B. Negativität), einem Lebensform-Konzept und der Kategorie des Messianischen (vgl. Walter Benjamin).

In seinem frühen Werk "L'uomo senza contenuto" (1970) geht Agamben von Hegel ausgehend zu den Ideen von Marx und Heidegger über und konstatiert eine Trennung zwischen Kunstwerk und ästhetischer Wahrnehmung. Diese entstehe durch die Reflexion auf Kunst zwischen Künstler und Rezipienten.
Agamben verbindet hier Ideen und Termini des Dialektischen Materialismus mit Heideggers Werk Sein und Zeit. In "Infanzia a storia" (1978) versucht Agamben erneut eine Synthese. Auch sein schriftstellerisches Vorgehen wirkt in diesem Werk an Heidegger orientiert. Er greift auch in ästhetischen Fragen auf die Antike zurück und betreibt etymologische "Spielereien".

Das Werk "Stanze, La parola e il fantasma nella cultura occidentale" (1977) stammt aus den Jahren 1974/75 am Londoner Warburg Institute.
Agamben versucht, die Imagination und die Urerfahrungen des Menschen in einem Bildatlas durch Fotomontage zu bewahren und orientiert sich dabei an Aby Warburgs Bildatlas "Mnemosyne".
Beide unterstellen, dass der Gebrauch der Sinne zunehmend "pragmatisch diszipliniert" wird.

Diese Referenz auf Warburg findet sich auch in Agambens Aufsatz "Noten zur Geste" aus dem Buch "Mezzi senza fine" (1996; dt. "Mittel ohne Zweck. Noten zur Politik") bzgl. der Kulturkritik. Die Geste gilt seit Warburg als verkörpertes Archiv. Der Vollzug der Geste zeigt für ihn die Teilhabe an einem kollektiven Symbolbestand an. Ebenso zeigt Agambens performativer Stil ihn als Teilhaber der "Formgesinnung klassicher Moderne" an. Er deutet die Geste als Befreiung des Bildes aus seiner Zuordnung zu einem Sinn.
In der ästhetischen Differenz, dem durch Konvention noch nicht (nicht mehr) gebundenen Ausdruck, sucht Agamben die Spur der selbst verschiedenen historischen Subjekte. Hier findet er ein Potential des Möglichen, das die Lektüre und Interpretation befreien und ein erneutes Vergessen verhindern kann.

Eines von Agambens Hauptwerken ist das 1995 erschienene "Homo sacer" (Dt. 2002). Das Gesamtwerk ist auf 4 Bände angelegt:
Erschienen sind bisher:
I. Homo sacer
II/1. Ausnahmezustand
II/2. Herrschaft und Herrlichkeit
II/3. Das Sakrament der Sprache
II/5. Opus Dei. Archäologie des Amts
III. Was von Auschwitz bleibt.
IV/1. Höchste Armut, Ordensregeln und Lebensform

Agamben geht von einer rechtlich verfassten Spaltung der Identität in ein
vergesellschaftliches Wesen (bíos politikós) und das bloße Leben (nuda vita). Diese Spaltung
sieht Agamben in Aristoteles' Unterscheidung zwischen bios und zoé in seiner
Nikomachischen Ethik begründet.
Agamben versucht in seinem Projekt eine Vereinigung von historischen, philosophischen und
juristischen Gesichtspunkten. Er bezieht sich dabei auf viele Philosophen seit der
Antike: Aristoteles, Walter Benjamin, Carl Schmitt, Martin Heidegger, Hannah Arendt und Michel Foucault.
Agamben leitet historisch bis zum modernen Menschen in einer globalisiert weiter.
In jüngeren Schriften führt er über in eine Kulturgeschichte der politischen Gefangennahme im Sinne einer
Einschließung und Ausschließung (Ausgrenzung). Agamben sieht eine immer stärkere Tendenz zur Schaffung rechtsfreier Räume und zur Reduktion des Menschen auf sein "nacktes Leben".
Das ist mit "homo sacer" gemeint.

Agamben legt den Schwerpunkt seiner Untersuchungen auf die nationalsozialistischen
Konzentrationslager.
Die Machthaber streben seit der Antike nicht nur die Kontrolle über die Individuen als gesellschaftliche Wesen an, sondern auch die Vereinnahmung ihres biologischen Lebens. Hier greift Agamben sehr stark
auf Foucaults Konzept der "Biomacht" zurück. Agamben sieht eine latente und für einen zunehmenden Anteil der Weltbevölkerung offene Gefahr einer Existenz-Spaltung in Mensch und Zugehörigkeit. Hinweise darauf erhält Agamben auch aus dem Freund-Feind-Denken Carl Schmitts. Sein Denken ähnelt da dem von Walter Benjamin, Jacob Taubes und Carl Schmitt.
Wieso verwendet Agamben die begriffliche Figur des Homo Sacer?
Er will mit diesem Begriff des Römischen Rechtes die Unterscheidung zwischen "bios" und "zoé"
verdeutlichen. Sacer bedeutet häufig "heilig", aber auch "ausgestossen" (im Sinne von gebannt).
Agamben sieht in diesem Konzept einen Raum jenseits von Recht und Kultus und verbindet ihn
mit der Geschichte der westlichen Selbsterfahrung. 
Es kommt so auch in Demokratien zu einem totalitären Zugriff auf den Einzelnen (vgl. wieder Foucaults Biopolitik). Und gerade die Demokratien setzen als Antwort auf weltweite Phänomene wie Migration und Terror die Grund- und Freiheitsrechte wieder außer Kraft.
Als Beispiele dafür nennt Agamben die Flüchtlingspolitik der Europäischen Union, die ihre Grenzen gerade nach Osteuropa, den Balkan und Afrika abschotten will und in dem Umgang der USA mit ihren Gefangenen in Guantanamo (Bay) auf Kuba. 
Bei einer weiteren Eskalation wird der Ausnahmezustand zum neuen Paradigma des Regierens. Er tritt als vierte Säule der politischen Ordnung neben Staat, Territorium und Nation.


QUELLEN:

Wikipedia
Eva Geulen: Giorgio Agamben zur Einführung; Hamburg 2009



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