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Samstag, 9. August 2014

CAROL GILLIGAN: CARE-ETHIK


CARE-ETHIK


http://care-ethik.blogspot.de/
 

Gilligan vertritt die Ansicht, dass man männliche und weibliche Ethik differenzieren müsse, da sich die männliche Ethik eher an abstrakten Begriffen orientiere, die weibliche aber am Kümmern (Care).
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S. 351
Die Autorin möchte die moralische Entwicklung aus zwei moralischen Perspektiven erklären/rekonstruieren und dazu einen alternativen Standpunkt entwerfen. Die Gerechtigkeitsperspektive wird nicht mehr mit moralischen Urteilen gleichgesetzt, sondern als eine Art und Weise verstanden, moralisch Probleme aufzufassen.
Als alternative Sichtweise und Bezugsrahmen wird eine Fürsorge (Care-Ethik) entwickelt.
Der Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Fürsorge beruht empirisch darauf, dass ein Wechsel der Aufmerksamkeitsfokussierung von Gerechtigkeitserwägungen zu Fürsorgeerwägungen die Definition dessen, was ein moralisches Problem konstituiert, verändert.
Für die Autorin liegt die Unterscheidung zwischen Gerechtigkeit und Fürsorge quer zu der geläufigen Einteilung im Denken und Fühlen, Egoismus und Altruismus, theoretisches und praktisches Urteil. Vielmehr können nach Gilligan alle menschlichen Beziehungen (öffentlich wie privat) im Rekurs auf Gleichheit wie auf Bindung dargestellt werden.
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S. 352
Sowohl Ungleichheit wie Trennung oder Gleichgültigkeit (Unterdrückung und Verlassenheit)können moralische Probleme aufwerfen. Es entstehen zwei moralische Sichtweisen: Die der Gerechtigkeit und die der Fürsorge.
Diese Auffassung, dass der Bereich des Moralischen mindestens zwei moralische Orientierungen umfasst, wirft ein neues Licht auf das moralische Urteilen.
Wichtig in dieser Hinsicht sind besonders die Unterschiede in bezug auf Entwicklungsniveau und auf Orientierung.
Gilligan sieht ihre Untersuchung(en) als Erklärung dafür an, dass die Beschäftigung mit Fragen der Moralentwicklung bislang fast nur im Bezugsrahmen der Gerechtigkeit erforderte.
KRITIKER sehen das jedoch anders.
Gilligan sieht die Grundlegung ihrer Überlegungen in ihren Untersuchungen der Beziehung zwischen moralischem Urteil und Handeln. Es geht dabei vor allem um zwei Studien.
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S. 353
Durch diesen neuen Ansatz konnte man untersuchen, welche Erfahrungen als moralische begriffen werden und welche Beziehung zwischen dem Verständnis moralischer Probleme und den verwendeten Urteilsstrategien und Handlungen besteht, die man zum Zweck der Problemlösung unternimmt.
Frauen lassen nach Gilligan oft bei der Definition von moralischen Problemen Kategorien der Moraltheorie aus dem Spiel. Sie konfligieren oft mit psychologischen Annahmen über Moral und das Selbst.
=> Daher ist das Verwenden rein männlicher Stichproben für die als empirische Basis für die Theoriekonstruktion mangelhaft/falsch.

Gilligan hält es für logisch inkonsistent, wenn eine rein männliche Stichprobe als Basis für Generalisierungen über eine gemischtgeschlechtliche Gesamtgruppe herangezogen werden. Wenn man eine Studie aufgrund einer geschlechtshomogenen Gruppe anfertige, so werden ihre Ergebnisse wahrscheinlich nur Aussagen über eine entsprechende Gruppe von Menschen zulassen.
Gilligans Kritik ist also in erster Linie methodisch.
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S. 354:
Gilligan zieht als Beispiel Piagets Werk über das moralische Urteil des Kindes heran, das die Entwicklung des kindlichen Bewusstseins (und der Regelpraxis) auf der Grundlage seiner Untersuchungen zum Murmelspiel von Knaben beschreibt. Piaget überprüft die Allgemeingültigkeit seiner Untersuchungsergebnisse durch eine Untersuchung an einer Mädchengruppe.
Nach Gilligan beobachtete Piaget zwar eine Reihe von Unterschieden, ging diesen aber nicht weiter nach, sondern betrachtete sie nur als Verkomplizierung. Die Unterschiede/Veränderungen im Regelverständnis standen aber nicht im selben Verhältnis zu den sozialen Erfahrungen wie bei den Knaben. Trotzdem ignorierte sie Piaget und stellte die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund.
Dementsprechend war also das Verhalten von Mädchen nur insofern von Interesse, als sie den Knaben vergleichbar waren und die Allgemeingültigkeit von Piagets Thesen bestätigten.
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S. 355 (Kohlberg)


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S. 356
Kohlbergs Anstrengungen, das Fürsorge-Denken als Abfolge einer 6-Stufen-Entwicklung darzustellen, die er aus Veränderungen des Urteilens über Gerechtigkeit ableitete (Längsschnittstudie, Aufsatz), speziell erstens die Unterscheidung verschiedener Entwicklungsstufen (innerhalb der jeweiligen Orientierung und zwischen Orientierungen) und zweitens die Tatsache, dass die Moralvorstellungen von Mädchen und Frauen weder die Konstruktion der Bedeutungsstruktur noch der Messinstrumente beeinflussen.
Ausserdem ist die Stichprobe seiner Längsschnittstudie ausschliesslich männlich!

Gilligan findet eine Grundlegung zwischen der Perspektive der Gerechtigkeit und der der Fürsorge in der Analyse der Sprache und Logik des moralischen Urteilens von Männern und Frauen (hypothetische und moralische Dilemmata).
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S. 357
Es kommt zu einer Reorganisation von Gedanken, Gefühlen und Sprachen. Dadurch werden Begriffe für Beziehungsaspekte wie "Abhängigkeit", "Verantwortlichkeit" oder Moralbegriffe wie "Fairness" und "Fürsorge" verändert.
Wenn man Beziehungen in Begriffen von Bindungen formatiert, dann verändert das die Wahrnehmung des Miteinanders von Menschen überhaupt. Man kann dann mehr von Begriffen wie "Netzwerk" und "Gewebe" sprechen als von "Hierarchie" und "Gleichgewicht".
Darüber hinaus kann eine "organisierende Perspektive" zu unterschiedlichen Vorstellungen des Selbst als moralische Instanz führen. In einer Gerechtigkeitsperspektive hebt sich das Selbst von dem Anderen und als moralische Instanz ab. Basis können Gleichheitsstandards wie der Kategorische Imperativ oder die Goldene Regel sein. In einer Fürsorgeperspektive wird eine Beziehung zur Gestalt, die das Selbst und die Anderen definiert.
Im Kontext einer Beziehung muss das Selbst als moralische Instanz auf Bedürfnisse eingehen. Mit dem Wechsel der moralischen Perspektive verändert sich das moralische Problem.
"Was ist gerecht?" -> (wird zu) -> "Wie soll man reagieren?"
Bsp.: Öffentliche Debatte um Schwangerschaftsabbrauch
Für Gilligan wird dabei eine Gerechtigkeitsperspektive eröffnet, deren Angelpunkt die scholastische oder metaphysische Frage ist, wie man die Rechte eines Fötus' definiert und ob man ihnen gegenüber der schwangeren Frau Vorrang gibt.
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S. 358
Für Gilligan ändert sich angeblich unter dem Fürsorge-Gesichtspunkt das Dilemma. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht jetzt die Verbindung zwischen Fötus und schwangerer Frau. Nach dieser Antezedenzbedingung käme es darauf an, ob es sinnvoll und fürsorglich ist, diese Verbindung fortzusetzen. Dieser Konstruktion entsteht das Dilemma um einen Abbruch. Bei jeder Handlung ändert sich die Verbindung zwischen Selbst und anderen.
Die Aufmerksamkeit wird im Zusammenhang mit moralischen Erwägungen auf die Parameter der Verbindung und auf die Kosten der Trennung gerichtet.
Wenn nun keine Frauen in die Untersuchungsstichprobe einbezogen würden, würde auch die Konzentration auf Fürsorge in moralischen Urteilen zum Verschwinden gebracht.
Dabei ist die Dominanz der Fürsorgeperspektive nicht für alle Frauen charakteristisch, Frauen mit dieser Eigenschaft überwogen aber gerade bei Nordamerikanern mit höherem Bildungsgrad.

Folglich könne man nicht - wie Kohlberg u. a. es taten - ein geringeres Niveau bei Gerechtigkeitsurteilen einem niedrigeren Bildungsniveau zuschreiben. Stattdessen zeige die Fokussierung auf Fürsorge in moralischen Urteilen, dass die alleinige Beschränkung auf eine Gerechtigkeitsperspektive in die Irre führt.
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S. 359
Die Fürsorge-Gesichtspunkte existieren sowohl im moralischen Denken der Männer wie der Frauen. Eine Gruppe, die aus einem Drittel der Männer und einem Drittel der Frauen zusammengesetzt ist, thematisiert Fürsorge- wie Gerechtigkeitsaspekte (Forschung nötig!).
Der Bereich umfasst (3.) also zumindest zwei moralische Orientierungen, was nach Gilligan dazu führen kann, dass Menschen die andere Perspektive aus dem Blick verlieren (beide Geschlechter).
Ferner scheinen Männer und Frauen unterschiedliche Perspektiven auszublenden. Besonders auffallend ist dabei, dass bei Männern eindeutig fürsorgedominierte Urteile fehlen. Es ist aber keineswegs so, dass Männer keine Überlegungen zu Fürsorgegesichtspunkten anstellen, sondern sie machen diese Gesichtspunkte nicht in so elaborierter Form zum Thema.

Zusammenfassung:
Die Berücksichtigung des moralischen Denkens von Frauen führte zur Identifizierung einer "anderen Stimme" (-> Titel: "In a Different Voice") und verlangte nach einer Neugewichtung der Faktoren Gerechtigkeit und Fürsorge in einer umfassenden Moraltheorie.
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S. 360
Die Auswahl einer rein männlichen Stichprobe verfestigt dagegen das "alte Denken" der Gleichsetzung von Moral und Gerechtigkeit. Es wird oft gar nicht erst gezielt nach Daten gesucht, die das alte Denkmuster ins Wanken bringen könnten.   

In der vorliegenden Untersuchung stammen die der klassischen Moraltheorie widersprüchlichen Daten von einem Drittel der Frauen. Gilligan wehrt sich dagegen, dass dieser Gruppe von Frauen vorgehalten wird, dass sie Probleme mit dem Verständnis von Moral hätten. Vielmehr würden sie die Probleme einer gerechtigkeitsbestimmten Moraltheorie aufzeigen.

Gilligan zitiert dazu dezidiert die für sie dubiosen Versuchsprämissen der im Aufsatz besprochenen Forscher Piaget und Kohberg: Piaget meinte, dass "jede Moral nur in der Achtung vor Kegeln" bestehe und Kohlberg vertrat die Ansicht, dass "es (nur) eine Tugend gibt und ihr Name Gerechtigkeit ist".

Man müsse daher mit den moralischen Urteilen von Frauen beginnen und die Fürsorge dürfe nicht nur als ergänzender moralischer Gesichtspunkt erscheinen, sondern ein Fokus moralischer Aufmerksamkeit sein.




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